Freitag, 16. November 2007

Alice Schwarzer gibt „Die Antwort“

Alice Schwarzer tourt durch die Lande und liest aus ihrem Buch „Die Antwort“. Das ist eine gute Gelegenheit, um den intellektuellen Zwischenstand dieser Frauenrechtlerin abzurufen. Wagemutig steuert der Verfasser dieses Beitrags in die Veranstaltung einer lokalen Buchhandlung. Erfreut angesichts solch seltenen Männerinteresses verkaufen ihm zwei Jung-Feministinnen die Eintrittskarte. Im Publikum des Kulturzentrums überwiegen nämlich Frauen, sodann sind Ehepaare und Pärchen zu sehen. Der Mann wird hier hinterdrein geschleppt. Allein erscheinende Männer sind die absolute Ausnahme. Bin ich gar der Einzige?

Nach etwas Verzögerung betritt Alice den Raum. Ein Schauer historischer Ehrfurcht fährt mir über den Rücken. Die bis in die letzten Reihen des Saals reichende Ausstrahlung dieser Frau ist positiv, sie wirkt einnehmender auch als in den früheren Fernsehauftritten, aus denen ich sie kenne. Sie könnte eine nette Omi sein, die Märchen vorliest. Nur Alice ist keine. Am nächsten Tag fällt mir in der Zeitung der bittere Zug in ihrem Gesicht auf, der im Saal nicht zu erkennen war.
Im heiteren unaufgeregten Plauderton präsentiert sie Kapitel ihres neuen Buches „Die Antwort“. Worauf die Antwort gegeben wird, zeigen Kapitelüberschriften mit Statements wie „Frauen sind von Natur aus anders“, „Abtreibung ist Mord“, „Prostitution wird es immer geben“. Sie hat die Lacher auf ihrer Seite, wenn es nicht gar zu bitterböse wird.

Für Schwarzer sind Frauen natürlich nicht von Natur aus anders, um auf diesen zentralen Punkt einzugehen. Hinter derartigen Behauptungen steht für sie eine biologistisch-religionsfundamentalistische Verschwörung. Wie man vielleicht weiß, sind sich Biologen und Bibel- und Koranfanatiker eigentlich nicht sehr einig. Aber im Punkt der Abwertung der Frau verschwimmt das Feindbild für Schwarzer in Eins. Von einem angeborenen„Geschlechtscharakter“ will sie nichts wissen.
Ziel ist immer noch in bewährt linkstotalitärer Rhetorik der „Neue Mensch“. In diesem propagierten Menschheitsideal sollen individuelle Unterschiede zwischen den Menschen gewichtiger sein als die Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Was sich da an Unterschieden zeigt, wird, so ihre Utopie, mit dem von ihr begrüßten Gender Mainstreaming eingeebnet.

Dem Frauenregiment gegenüber unbotmäßige virile und kämpferische Männer, die nicht dem Ideal des Neuen Menschen entsprechen, so die Hoffnung und Erwartung Schwarzers, werden von den Frauen aber auch auf dem Wege der geschlechtlichen Zuchtwahl ausgerottet. So wurde denn deutlich, dass auch Frau Schwarzer längst von der zeitgenössischen Leitwissenschaft der Biologie in ihrem Denken erfasst ist, das Denken nicht rein sauber soziologisch und offenbar von biologistischen, eventuell unrealistischen Erwartungen an Möglichkeiten von Menschenzucht infiziert ist.

Alice Schwarzer ist sicherlich eine nicht unkompetente Ansprechpartnerin, wenn es um die Geschichte der rechtlichen Stellung der Frau geht, man muss sich aber im Klaren sein, dass sie die u.a. von Martin van Creveld nachgewiesenen Privilegierungen der Frau, die es in der Geschichte immer gab, verschweigt, sofern sie ihr überhaupt bewusst sind. Alice Schwarzer heute ist eine listige Geschlechtslobbyistin, der es um die Machtfrage, somit nicht um die Wahrheit zu tun ist. Sie ist dabei durchaus in der Lage, die einnehmende Klaviatur der Waffen der Frau zu spielen, und diese den einfachen Frauen, den Objekten ihrer ideologischen Schulung, auch zu vermitteln. Sie geht davon aus, dass Männer Gegenleistungen für Leistungen und Einbußen erwarten, und rät den Frauen als Gegenleistung „Freundlichkeit“ anzubieten. Ansonsten zeigt sie sich nicht sonderlich bereit, die Perspektive der Männer einzunehmen.

Zu erwarten war, dass die Frage (von einem Mann) kam, wie sie denn zu Wehrpflicht der Männer stehe, wie auch ihre von Feministinnen bekannt ausweichende Antwort, dass sie die baldige generelle Abschaffung der Wehrpflicht erwarte. Sie befürwortet ein Soziales Jahr für alle, hat aber schon mitbekommen, dass Arbeitspflicht rechtlich nicht mehr zulässig ist, „weil das die Nazis schon gemacht haben“.

Auch den „Führer“ feiernde Frauenmassen ändern für die Chef-Lobbyistin der deutschen Frauenbewegung natürlich nichts daran, dass die Nazis „der Schlimmste aller Männerbünde“ waren. Das zu betonen ist propagandistisch wichtig, tauchte doch das Wort von den „Femi-Nazis“ zur Kennzeichnung von Erscheinungsformen moderner rücksichtsloser Feminität auf (welches eine Reaktion auf Aufdruck auf T-Shirts sein mag, die da lauten: „NOTHING CAN STOP US, BOY“, allgemein gibt es ja auch ansteigende Frauenkriminalität) Die weiblichen KZ-Aufseherinnen und diversen NS-Diven verschweigt sie, ebenso, dass die Nazis überlieferte christlich-religiöse Ehevorstellungen bekämpft und Frauen ins Arbeitsleben letztlich im Krieg stark integriert haben. Dass die Nazis Männer an der Front verheizt haben, während Omi daheim viele neue Berufe wie Schaffnerin, Telefonistin oder Gauleiter-Sekretärin kennen lernte, hindert Schwarzer nicht an der Dreistigkeit, zu behaupten, die Frauen hätten im 2. Weltkrieg mehr Opfer zu beklagen gehabt als die Männer.

Fragen von der Art der Wehrpflicht hätte man natürlich unentwegt weiter stellen können. Ganz vorsichtig schien es Schwarzer auch zu dämmern, dass Frauen es in verschiedenen Fällen leichter haben könnten, z.B. musste sie einräumen, dass sie Frauen in schwieriger Wirtschaftslage aus dem großen Druck, der in den Firmen herrscht -sozial akzeptiert- in die Schwangerschaft zurückziehen können. „Frauen sind keine besseren Menschen“, wiederholte sie mehrmals beschwichtigend - absatzweise nach der mit diversen Bosheiten gewürzten Kritik, die sie den Männern im Saal um die Ohren schlug. Nicht nur der Dialektiker konnte darauf kommen, dass sie vom Gegenteil ausgeht.
Auch ist sie nicht gänzlich schimmerlos, dass es die vom Sextourismus geschändeten Frauen und Kinder in der Dritten Welt sein könnten, die den gehobenen Status der Frauen gegenüber den Männern in der westlichen Welt zu bezahlen haben (Die Annahme von Zusammenhängen zwischen Demütigung von Männern durch Frauen und Kindesmissbrauch ist relativ populär).

Frau Schwarzer scheut mittlerweile nicht mehr die Nähe zur Frauen-Union und umgekehrt.
Wo es um Frauen-Lobbying geht, halten die Frauen jetzt offen parteiübergreifend zusammen, während früher die Unterstützung Schwarzers durch christsoziale Frauen nur hinter vorgehaltener Hand erfolgte. Ist pragmatische Machtpolitik nicht klassischerweise die Domäne der CDU/CSU? Insofern ist Schwarzer, die nur nicht nur „Die Antwort“ gibt, sondern auch die Frage nach der Macht stellt, an der richtigen Adresse.

Das Aussterben des Christenvolks vor Augen wollen die Frauen in Schwarz mit staatlichen Zwangs - und Umverteilungsmaßnahmen mehr Kinder bewirken. Die Schwarzer, die sich in dieser Frage indifferent zeigte, an anderer Stelle eine frauenfeindliche Verschwörung hinter der drei Jahrzehnte verspäteten Problematisierung des Geburtenschwunds vermutete, weiß genau, dass die Männer in ihrer in Bezug auf Kinder zunehmend misslichen rechtlichen und sozialen Lage davor ausweichen (werden), wie sie nur können, Kinder in die Welt zu setzen. Die staatliche Verkrippung, die aus Schwarzer-Sicht ebenfalls nur aus verdeckten frauenfeindlichen Motiven kritisiert wird, wird dem Geburtenschwund abhelfen, so verspricht sie, listig lächelnd. Die querulierende „48jährige Mutter“ Eva Herman hätte in ihrem Leben nie einen Kindergarten gebraucht, deswegen könne sie nicht mitreden, erklärt die kinderlose Schwarzer, ohne mit der Wimper zu zucken.

Natürlich kann man als Mann Dankschreiben an Feministinnen wie Schwarzer aufsetzen, weil Aktivistinnen wie sie den Mann von seiner rechtlichen Verantwortung (bis 1976) und der ökonomischen Bürde, die er früher für die Frau zu übernehmen hatte, befreit hat. Gleichzeitig muss weiter der Weg zur völligen Gleichheit vor dem Gesetz gegangen werden, alle Ansätze zu neuer Männerdiskriminierung, die von feministischer Seite kommen, abgewehrt werden und noch bestehende Benachteiligungen des Mannes beseitigt werden. Neben Veränderungen in der Wirtschaftwelt haben auch die Fortschritte der Medizin zur relativen sozialen Erstarkung des früher stärker von Krankheiten und Schwangerschaftsfolgen dahingerafften und geschwächten weiblichen Bevölkerungsteils geführt.
Macht- und karriereorientierte Männer müssen sich unter den Bedingungen der gegenwärtigen Wettbewerbsverzerrung durch Frauenquoten und – bevorzugung warm anziehen dem gegenüber, was an Frauenpower der noch in der Strickrunde sozialisierten Schwarzer nachgefolgt ist. Es kam zum Schluss das Gefühl auf, als habe der historische Prozess bereits eine solche Dynamik entwickelt, dass er dem intellektuellen Zugriff seiner Avantgardistin Schwarzer entglitten ist.

1 Kommentar:

supermarket hat gesagt…

Die Annahme von Zusammenhängen zwischen Demütigung von Männern durch Frauen und Kindesmissbrauch ist relativ populär.

Belege, bitte. In Form von Links zu wissenschaftlichen Studien bzw. Literaturangaben. Danke.