Dienstag, 11. Dezember 2007

(Anti-)Faschismus aus Sicht eines Liberalen

"Der Antifaschismus der Kommunisten und der Antikommunismus der Faschisten - im Grunde ist das ein Familienstreit innerhalb des totalitären Sektors der Welt, in dem keine der beiden streitenden Parteien das Recht hat, die Sympathie des freien Weltsektors anzurufen."

Wilhelm Röpke: Sozialismus und politische Diktatur, in: NZZ, Nr. 98 und 101, 18./19.1.1937,
zit.nach Hans Jörg Hennecke: Wilhelm Röpke - Ein Leben in der Brandung, 2005, S. 107


"Dem Faschismus attestiert Röpke zuallererst eine antikapitalistische und illiberale Grundhaltung, im Unterschied zum Marxismus charakterisiert er ihn allerdings auch durch ökonomischen Dadaismus, Mangel an rationaler Kohäsion und geradezu stolz vorgetragene Intellektuellenfeindlichkeit. Sechs Prinzipien lägen der faschistischen Wirtschaftsphilosophie zugrunde: erstens besitze der Faschismus wie der Marxismus ein illiberales, totalitäres Selbstverständnis, das dem Ideal eines Termitenstaates huldige. Zweitens strebe der Faschismus im Unterschied zum Kommunismus keinen revolutionären Wechsel der ökonomisch-sozialen Strukturen an, sondern versuche einen allgemeinen Totalitarismus mit dem individuellen Charakter der Gesellschaft zu kombinieren. In der Praxis führe dies zur monopolistisch-interventionistischen Gesellschaft, zu Preis- und Investitionskontrollen. Verluste würden sozialisiert, der Bankrott als ökonomische Sanktionsinstanz durch das Konzentrationslager ersetzt. Drittens nationalistische Außenhandelspolitik und außenpolitischer Bellizismus, viertens Militarisierung der nationalen Wirtschaft und Planwirtschaft nach militärischen Gesichtspunkten (ohne dass freilich das Wehrsystem durch Planwirtschaft wirklich gestärkt würde), fünftens der Primat der Politik über die Wirtschaft ergänzen als weitere Prinzipien das Bild. Der korporatistische Staat, den Röpke als sechstes Prinzip benennt, erfüllt mehrere Funktionen: im politischen Sinne die Kontrolle der Wirtschaft, im ökonomischen Sinne die Kartellierung und Investitionskontrolle und im sozialen Sinne die Regulierung der Arbeitsbeziehungen."
Hennecke, s. 103 f.

"Um die Jahreswende 1936/37, nachdem der deutsche Nationalsozialismus seine Wirtschaftspolitik durch die Aufstellung eines Vierteljahresplans der sowjetischen Praxis angenähert hat, rückt in Röpkes Analyse der Faschismusbegriff in den Hintergrund, und er hat nun allen Grund, den Nationalsozialismus als das zu deuten, was dieser selbst in seinem Namen zu sein vorgibt: eine nationalistische Spielart des planwirtschaftlichen Sozialismus."
Hennecke, S. 106

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