Montag, 10. Dezember 2007

Ernst Jünger über die Angleichung der Geschlechter

"Rein als Nivellement gesehen, das auf die Steigerung der Leistung abzielt, stellt sich die Angleichung der Geschlechter als Normung dar, die den Arbeitsvorgang in meßbare, berechenbare Formen zu pressen sucht. Daß dieses Bestreben auf Gebiete übergreift, die ihm durchaus widerstreben, macht eine der Quellen des modernen Erstaunens aus. Hier mischen sich Befriedigung und Abscheu auf eine Weise, die auf den Anteil schließt läßt, den Zwang und Willensfreiheit an der Aktion haben.
Bei der Angleichung der Geschlechter geben männliches Denken, männliches Handeln und oft auch die männliche Arbeitskraft das Maß. Sie läuft also im wesentlichen auf die Anpassung der Frau an den Rhythmus einer von Männern erdachten und geschaffenen Welt hinaus.
Aus dieser Tatsache wird gern der Schluss gezogen, daß wir im Eintritt in eine paternitäre Welt begriffen seien. Er ist verfehlt inosfern, als die Veränderungen innerhalb der Geschlechtswelt von tieferen, umfassenden Veränderungen abhängen. Von dort, und nicht vom männlichen Intellekt und seinen Plänen, kommt der Zustrom von Arbeit, der wie bei einem Dammbruch bewältigt werden will. Von ihm wird der Mann nicht minder betroffen als die Frau. Es geht also nicht um eine neue Arbeitsteilung, sondern in erster Linie um einen neuen und unerhöhrten Arbeitsanfall. Das Verhalten des Mannes in dieser Lage ist nicht zu vergleichen dem eines Eingeborenen, der seine Frau aufs Feld schickt und dort seine Arbeit von ihr verrichten läßt. Hier kommt Arbeit nicht in Formen, die sich abweisen oder abwälzen lassen, sondern schubhaft auf uns zu, in einer an Wassers- und Feuersnöte erinnernden Art.
Würde ein Geschlecht dominieren, so würden die Geschlechtsunterschiede nicht abflachen, sondern sich schärfer abheben. Das gilt auf für jene Theorien, die Tatsachen wie die stärkere Verfügungsgewalt der Frau und ihren wachsenden Anteil am Wissen und Können als die Heraufkunft matriarchalischer Strömungen ausdeuten. Das ist ein Irrtum, denn sowohl eine paternitäre als auch eine matriarchale Welt, würden ganz anders aussehen als die unsere." Ernst Jünger: Der Weltstaat, S. 510 f. in: Sämtliche Werke, Bd. 7, 1980.

Der Essay "Der Weltstaat" wurde erstmals 1960 veröffentlicht. Er zeigt wieder einmal dass sich Ernst Jünger schwer in politische oder ideologische Schubladen einordnen lässt, obwohl er zuletzt trotz seiner oft affirmativen Einstellung zur Moderne von den Konservativen vereinnahmt wurde. Nach einer Phase politischen Aktivismus, in der er Wortführer einer Kriegveteranengeneration war, die sich nicht in der bürgerlichen Welt zurechtfand, zog er sich auf die Position des analytischen Beobachters zurück, der nur mit feiner Wahrnehmungsfähigkeit beachtliche Prognosen lieferte, obwohl er über keinen wissenschaftliche Apparat hierfür verfügte.

Und in der Tat gestaltete sich die zunehmende Bedeutung der Frau im Berufsleben nicht als männlicher Herrschaftsakt ("schickt seine Frau aufs Feld"), sondern erschien als Emanzipation, als revolutionäres Aufbegehren der Frau gegen das "Patriarchat".

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