Sonntag, 9. Dezember 2007

Kriegsenkel

"Was fühlt ein Kind in einem Bombenkeller voller Todesangst, wenn die Menschen, die es sonst schützen, vor Panik schreien? Was fühlt es, wenn sein Vater in den Krieg zieht oder von der Gestapo abgeholt wird und die Mutter in Ohnmacht fällt?
Wie hilflos und wertlos muss sich meine Mutter vorgekommen sein, als kleines Kind in den Viehwagons der Vertriebenenzüge, zwischen dem Gestank und der Angst der Menschen, die alles verloren hatten? Ich habe die Familie meiner Mutter nie kennen gelernt. Sie waren nach der Vertreibung aus der Slowakei in alle Himmelsrichtungen verstreut und verstritten. Welchen Grausamkeiten war das kleine Mädchen ausgesetzt mit einer Mutter, die aus Trotz gegen die verlorene Ehre wochenlang kein einziges Wort mit ihr sprach und sich in der Wehrlosigkeit ihrer kleinen Tochter suhlte?
Die Kriegserlebnisse hatten sich in diesen Kinderseelen eingekapselt wie Bombensplitter und das Gewebe drumherum wurde hart. Ein Teil ihrer Gefühle war an diesen Splittern hängen geblieben und hatte ihren Charakter verformt. Die Angst und der unerträgliche Schmerz durften nicht mehr an die Oberfläche gelangen, sie wurden zugedeckt mit Ehrgeiz, Egoismus und Neid, die alte Panik in Rücksichtslosigkeit kalt gestellt. Aus Opfern wurden Täter, die mit ihren Beschädigungen wiederum die Seelen ihrer Kinder verformten, schuldig wurden und diese Schuld weitergaben an meine Generation.
Jeder Versuch, die erlebte Geringschätzung zu kompensieren, jede Zurückweisung, jede Demütigung, jeder Verrat, der die eigene Schwäche kaschieren will, jedes Ausgrenzen, jede dekadente Selbstgefälligkeit, gepaart mit dem Mangel an Selbstkritik, erzeugt neue Beschämung, neue Angst und prägt neue Kinder. Das Leid wird weitergegeben und erzeugt den Nährboden für neues Schuldigwerden.[...]Wenn ich an die kränkenden Bemerkungen meiner Mutter denke, kann ich mir die Demütigung vorstellen, die sie selbst erlebt hat. Ich bin mit den Altlasten der deutschen Geschichte hochgradig infiziert. Ich verstehe nicht, wie jemand behaupten kann, dass der Krieg und die Schuld uns nichts mehr angehen. Wenn ich mich meiner Geschichte nicht stelle, bin ich auf dem besten Weg selbst vom Opfer zum Täter zu werden, meinen Schmerz in unbewusste Wut gegen andere zu wenden oder sie an meine Kinder weiterzuvererben."

Katharina Ohana: Ich, Rabentochter; München 2006, S. 88 ff

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