Mittwoch, 26. Dezember 2007

Revisionismus der Generationengeschichte

A. F. Lichtschlag, der Verleger von eigentümlich frei, produziert wieder eigentümliche Thesen: Die 68er seien eine schlechtere Kopie der 33er gewesen.

Da fragt man sich, wie er das schon wieder meint. Sind die 68er nach Meinung des Autors schlechter als die 33er, weil sie keine Konzentrationslager errichtet, keine Massenerschießungen, Vergasungen angeordnet und ncht alle Länder ringsum in Schutt und Asche gelegt haben?

Der Autor dürfte auch schief gewickelt sein, wenn er meint, Geschichtsrevisionismus bezgl. der Nazis werde eine zentrale Rolle im zweifellos bevorstehenden Generationkonflikt spielen. Er setzt wahrscheinlich auf die Bindungen, die oft zwischen Enkel- und Großelterngeneration bestehen. Nur: Die Großeltern schieden ja, wie er feststellt, kriegsbedingt vorzeitig aus dem Leben, so dass sie den Enkeln nicht bekannt sind. Sodann haben viele meiner Generation der 79er ff. gar keine oder nicht nur Nazi-Großeltern. Sodann haben viele Angehörige der jungen Generationen Migrationshintergrund und somit überhaupt keinen Bezug zu den "33ern".
Und: Mussten die 68er reaktionär sein, sich mit irgendeiner Vorgänger-Generation identifzieren, um ihre Vorstellungen durchzusetzen und ihre Anliegen zu artikulieren? Nein, Pickelhauben wurden 68 nicht gesichtet.
Vielmehr hängten sich die deutschen 68er an einen internationalen Trend an:

“Ironischerweise ist festzuhalten, dass 68 und der ambivalente Anti- Amerikanismus aus Amerika importiert wurden und nicht originär deutschen Ursprungs sind, weshalb die nachträgliche Legende, dass 68 aus einem mutigen Kampf deutscher Studenten und Intellektueller gegen Adolf Hitler dreißig Jahre nach Hitlers Tod entstanden sei, eine plumpe Geschichtsklitterung ist.” - Bettina Röhl, bettinaroehl.de, »Trau keinem 68er !«, 22. Januar 2003


So wird es auch bei einem etwaigen, wahscheinlich mickrigen Aufstand der Pillenknick-dezimierten jungen Generation gegenüber den Greisengenerationen sein. Das geht dann unter der Fahne eines neusittenstrengen Islamismus vonstatten, oder ganz dreckig nach Art von Gangster-Rappern in U-Bahnen, vielleicht im Namen einer totalitären Ökobewegung, oder wieder einem amerikanischen -etwa asozialliberalen- Trend nachfolgend, denn die Vergreisung steht ja in allen Erstweltländern bevor, und alles was in den USA angesagt ist, landet irgendwann auch in Deutschland, dem Land der ausgegangenen Ideen. StudiVZ ist eine schlechtere Kopie von Facebook.

Kommentare:

Ein Fremder aus Elea hat gesagt…

"Land der ausgegangenen Ideen" - wer weiß, ob das nicht ganz gut so ist, denn erst wenn einem die Ideen ausgehen, wird man zur Einsicht fähig.

Joaquín Roberto hat gesagt…

Wenn auch die Einflußnahme damaliger Zeitgenossen kaum den Ausschlag geben wird - der Autor trug die Gründe zusammen -, so sehe ich dennoch eine Form des Revisionismus auf uns zukommen. Eingangstür: Die Esoterik. - Wieder einmal, man denke z.B. an Hörbigers Eislehre oder Wirth Ariertum. Bei Rosenberg fand derlei Metaphysikelei vom Wesen des Blutes und der Ehre und der Treue zur Führerschaft etc. Niederschlag.

Und was erstaunt: Es sind gerade viele 68er-Linke, die plötzlich den US-Imperialismus als Weltjudentum entziffern, wie es Horst Mahler in seinem Interview - verwirrt und ohne wirkliche Begründung - darlegte. Teufel sah, sofern ich mich nicht irre, in Hitler eine mißverstandene Erlösergestalt, griff die messianische Tradition der 33er-Bewegung wieder auf. Eigentlich habe man ja 1968 "Blut und Boden" gemeint, als man z.B. nationale Bewegungen unterstützte.

Die Esoterik, so wie in der Vergangenheit die ökologische Bewegung, bieten ein breites, spekulatives und emotionales Feld, auf dem man "Blut und Boden", verbunden mit "menschenfreundlichen Rassismus" predigen kann. - Entspannt in die Barbarei.

So glaube ich nicht, daß man unbedingt eine personelle Linie in der Geschichte braucht, um diese deutsch-traditionelle Denkweise, sich gen Osten auszubreiten, im Slawen immer etwas Minderwertiges zu finden, neu zu beleben. Dies ist aber nur subjektive Interpretation meinerseits. Manchmal wiederholt sich Geschichte eben doch: Einmal tritt ein Ereignis als Tragödie auf, das anderemal als Farce - hoffe ich zumindest.

BvG hat gesagt…
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
BvG hat gesagt…

Das deutsch-osteuropäische Verhältnis sehe ich in Zukunft von neuen wirtschaftlichen Verflechtungen gekennzeichnet, im Sinne von menschenfreundlichem Neoliberalismus.

Mit Esoterik kann man sich im Generationenkonflikt nicht gegen esoterische 68er-Nazi-Rübezahls wie Mahler positionieren.

Das geht nur mit:
Liberalismus,
Universalismus,
Proamerikanismus,
Wissenschaftlichkeit