Sonntag, 6. Januar 2008

Welcher Generation gehörst Du an?

Zu welcher Generation gehöre ich eigentlich? Dieser Beitrag von Franz Walter sagt mir, ich gehörte als 79er gerade noch zur Generation der "Jungen Leistungsindividualisten".

Die Zielgruppe des juvenilen Neuliberalismus schlechthin dagegen sind die sogenannten männlichen "Jungen Leistungsindividualisten", wie sie von Milieuforschern etikettiert werden. Die männlichen "Leistungsindividualisten" gehören überwiegend den Geburtsjahrgängen 1967 bis 1979 an. Sie sind die Kinder des Privatfernsehens, des Internets, des Handys und der New Economy, man mag auch sagen: der "Generation Westerwelle".

Bei ihnen ist der Individualismus gewissermaßen rigide auf die Spitze getrieben, ob im Beruf oder in der Freizeit. Hier wie dort wollen junge Leistungsindividualisten bis an die Grenze gehen, die eigenen Potentiale aber auch Beschränkungen nachgerade brutal erfahren. Das Leben soll in jeder Sekunde intensiv und lustvoll sein.

Dies nach-postmaterialistische Gruppe – zuweilen als "Generation Golf" firmierend - wählt nicht mehr mehrheitlich rot-grün, sondern "bürgerlich". Vor allem die Freien Demokraten haben ihren Aufschwung der letzten Jahre unzweifelhaft dieser Post-Alternativ-Kohorte zu verdanken. Aber allzu viel zivilgesellschaftliches Engagement darf man von dieser Gruppe nicht erwarten. Hier fehlt dem Primat der individuellen Selbstverwirklichung das Korrektiv oder die Ergänzung einer gemeinschaftsbezogenen Verpflichtungsethik.


Bei den Jungen Leistungsindividualisten scheint es sich um die Kinder der vielgeschmähten 68er zu handeln. Wobei die Generation Golf auf Wikipedia beim Jahrgang 1975 aufhört. Was auch zu mir passt, da ich nie einen Golf gefahren habe und auch in der Bekanntschaft bei den Kleinautos bereits der knuffige Polo dominierte. Auch war in meiner Kindheit Privatfernsehen Tabu, sodass ich mit pädogogisch wertvollen Beiträgen der öffentlich-rechtlichen Kindernachrichtensendung "Logo" auf Umweltschutz und Verantwortungsethik eingeschworen werden konnte. Ich kann mich noch erinnnern, wie ich meinen Vater, von dem ich wusste, dass er in der Wirtschaft arbeitete, mit einem selbstgemalten Propagandaplakat von den Umweltgräueln unserer Zeit zu überzeugen suchte. Man sieht, dass man nicht fehlgeht, wenn man sich als Individualist gegen die Einordnung in soziologische Schubladen sträubt.

Tschernobyl ist mir als Ökodesaster aus den frühesten Kindheitstagen in Erinnerung geblieben und der Kalte Krieg, der in meiner bayerischen Heimat, der Oberpfalz, mit dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr greifbare Realität war. Auch wurde mir in den historischen Kalendern verdeutlicht, dass in meinem Geburtsjahr der Schah in Persien gestürzt worden war. Doch der Islamismus geriet noch einmal in Vergessenheit im Taumel der deutschen Wiedervereinigung, die ich eifrig als politologisch frühreifer Zehnjähriger am Bildschirm verfolgte. Mit meiner Familie besuchte ich auch gleich nach der Wende die Ex-DDR. Man konnte noch Rotarmisten sehen und Steinchen aus der Mauer kloppen. Deutschland schien eine Zukunft zu haben und in die Geschichte zurückzukehren.
Viele meiner Klassenkameraden drängte es aus der menschenleeren Oberpfalz nach Berlin. Auch ich spielte mit dem Gedanken ins Neue Deutschland zu gehen, blieb aber skeptisch - und bin bis heute noch in Bayern, wenn auch in seinem fränkisch-preußischen Teil. Die Berlin-Euphorie lebt bei mir noch in Form regelmäßiger Besuche im neuen Metropolis. Die Beobachtung, dass die Bewohner in hellen Scharen Ostdeutschland verlassen, stärkt aber nicht gerade den Pioniergeist, die persönliche Eastern Frontier in diese Richtung voranzuschieben.
Zwischendurch zog es mich in das Philosophenstädtchen Tübingen. Und dort - ausgerechnet beim Schritt nach Westen - musste ich den 11. September im Fernsehen sehen. Ratlosigkeit, Entsetzen und erste Lektüre einer Schnelleinführung in den Islam, gefolgt von Huntingtons "Clash of Civilizations", der auch die Geschehnisse auf dem Balkan in einen übergeordneten Kontext einordnete. Als ich als Kind die Türme des WTC im Guiness betrachtete, wäre mir nie eingefallen, dass sie einmal fallen könnten, während die Mauer durch Deutschland keine Selbstverständlichkeit war.
War es die Verunsicherung und die Herausforderung durch den Terrorismus, die zu meinem Wechsel von den Geisteswissenschaften zur eher wehrhaften Jurisprudenz beitrug? Jetzt tobt schon viele Jahre der Krieg im Irak, und manche reden von einem Krieg gegen den Iran, um diejenigen zu stürzen, die im Jahr meiner Geburt an die Macht kamen - so schließt sich der Kreis.
Es scheint, dass ich zur Generation "Teheran" oder "11. September" gehöre, zu einer Generation von westlichen Individualisten, die den teils gewaltvollen Anprall verschiedenster fremder Kulturen und die Relikte gescheiterter Gesellschaftssysteme bewältigen muss.

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