Donnerstag, 6. März 2008

Über die strukturell rote Mehrheit in Deutschland

Ein Seminar der Friedrich-Naumann-Stiftung über "Die Faszination der Heilslehren" rief mir in Erinnerung, dass das rote Übergewicht, dass sich in der Bundesrepublik 19 Jahre nach der Wiedervereinigung einzustellen beginnt, offenbar von konfessionellen Prägungen determiniert ist. Wahlkreise mit Dominanz von SPD und „Die Linke“ decken sich weitgehend mit historisch protestantischen Gebieten, auch wenn ein Großteil der Bevölkerung dort bereits konfessionslos geworden ist. Diese Gebiete waren auch schon vor den NS- und SED-Diktaturen rot gefärbt. Ein Umstand, der auch Konrad Adenauer bekannt war, der deswegen, wie manchmal verbreitet wird, die Wiedervereinigung hintertrieben haben soll.

Die Gründe für diese historischen Kontinuitäten wurden von dem Referenten vom Forschungsverbund SED-Staat, Uwe Hillmer, nicht vertieft, es wurde nur angedeutet, dass sie in fortlebenden Mentalitäten aus christlicheren Zeiten zu sehen sein könnten - jedoch habe ich zwei Überlegungen dazu:

Das Luthertum mit seiner kritischen und bohrenden Suche nach religiöser Wahrheit führte letztlich über die Religionsskepsis in die Verneinung von Religion. Kirchenferne ist nicht nur in den protestantischen Gebieten, die von der SED-Diktatur beherrscht wurden, verbreitet, sondern auch im Westen sind –getaufte- Protestanten oft besonders kirchenfern und areligiös.
Wenn aber das christliche Heilsversprechen, das im Jenseits verortet wird, nicht mehr geglaubt wird, liegt die Empfänglichkeit für das Heilsversprechen des Sozialismus, das im Diesseits verortet wird, nahe.

Ein weiterer Grund könnte im unterschiedlichen Verhältnis von Katholiken und Protestanten im Verhältnis zu Sozialstaat und persönlicher, auf Eigeninitiative beruhender Armenfürsorge zu sehen sein.

Der Historiker Steven Ozment schreibt über die Entstehung des modernen Sozialstaats aus dem deutschen Protestantismus:

„Wie die meisten sozialen und familiären Angelegenheiten im Mittelalter war auch die traditionelle Betreuung der Armen religiös inspiriert. Die Almosengabe von Hand zu Hand und Aug’ in Aug’ war das ursprüngliche biblische Modell für den büßenden Christen gewesen, und wer solch eine persönliche Nächstenliebe zeigte, konnte im Gegenzug erwarten, einen Anteil des göttlichen Segens für sich zu empfangen. Jahrhundertelang veranlaßte dieser Glaube fromme Christen dazu, den Armen auch Kleidung, Unterkunft und Bildung zu gewähren.

Im Gegensatz dazu betrachtete die neue lutherische Kirche Akte christlicher Nächstenliebe als eine moralische und bürgerliche Pflicht, nicht als spirituelle, und sie glaube, daß sie – wenn sie auch Gott gefielen – niemanden erlösten. Gute Werke gehörten dem Empfänger, nicht dem Geber, den Gott ungeachtet seiner Taten aus seinen eigenen gnadenvollen Gründen erlöste. Ein solches Argument half den Weg zu einem rationellen System der Armenhilfe freizumachen, ihre Reichweite auszudehnen und sie auf eine sicherere wirtschaftliche Grundlage zu stellen, etwas, was im Sinne beider Konfessionen war. Die Verlagerung der Verantwortung für die Armen vom Klerus und der Kirche auf die Gesellschaft ingesamt über die kommunalen Obrigkeiten und Landesregierungen war ein Meilenstein in der Geschichte …
Bei der Verteilung von Wohltätigkeit, Spenden wie Leihgaben, zählte am meisten die Wiedereingliederung des Empfängers, da Wohlfahrt als ein Mittel der Wiederherstellung angesehen wurde, nicht als permanente Unterstützung. Die Wittenberger Verordnung, beeinflusst von Luther und seinen Kollegen, sah eine sorgsam gehütete „Gemeinschaftstruhe“ für die Armen vor.

Die Finanzierung kam anfangs aus säkularisiertem Kirchenbesitz… Da zu erwarten war, dass solche Mittel für andere Zwecke abgezweigt würden oder sich allmählich erschöpften, sah die Verordnung die gestaffelte Besteuerung des Klerus und der Bürger als besten Weg an, die Truhe gefüllt zu halten.“ (Steven Ozment, Eine feste Burg – Die Geschichte der Deutschen, dt. 2006, S. 114 f.)

Möglicherweise können sich Katholiken eher als deutsche Protestanten vorstellen, dass Armenhilfe –zumindest in Teilbereichen- auch ohne Staat befriedigend funktioniert.
Mithin könnte ein aggressiver Umverteilungsstaat für den gläubigen Katholiken eher als für den Protestanten ein ärgerliches Hindernis sein, von sich aus zu geben, weil er das karitativ einsetzbare Geld durch Steuern Zwangsabgaben entzieht.

Ein Lichtschimmer in roten deutschen Verhältnissen habe ich noch aus einer anderen Veranstaltung der Hayek-Gesellschaft in Erinnerung: Es zeichnet sich innerhalb leistungsbereiter junger Menschen gerade aus dem areligiösen Ostdeutschland ein kleiner Gegentrend hin zum Liberalismus ab. Fragen von Caritas und Erlösung dürften für diese Gruppe freilich eine untergeordnete Rolle spielen.

Keine Kommentare: