Samstag, 8. März 2008

Torpedos gegen den Gustloff-Film

Auch Filmkritik kann man kritisieren. Zumindest Blütenlese kann man in einem Beitrag von Tanja Dückers in der ZEIT betreiben. "Alles nur Opfer", wird da getitelt.
In der Unterzeile heißt es aber:
Wie mit Hilfe von Filmen wie dem ZDF-Zweiteiler 'Die Gustloff' aus Nazi-Tätern und -Unterstützern wieder reine 'Zeitzeugen' gemacht werden. Ein medialer Geschichtsrevisionismus der neuen Art.

Wie jetzt? Werden in Joseph Vilsmaiers Film "Die Gustloff" nach Ansicht der Kritikerin Täter ungerechtfertigterweise zu Opfern oder zu reinen Zeitzeugen? Als Nicht-Fernsehender kann ich mir immer noch kein Urteil bilden, was am vergangenen Fernsehwochenende geschah. Auch die ZEIT ist sich da offenbar unsicher und lässt auch eine positive Einschätzung ins Blatt.
Bemerkenswert jedenfalls, wie das stupide Antifa-Demo-Geschrei "Deutsche Täter sind keine Opfer!" seine Entsprechung in Zeitungsmeinungen findet. Auch wenn es selbstverständlich scheint, muss man es anscheinend aussprechen: Menschen können tatsächlich Täter und Opfer zugleich sein. Ein Dieb kann selbst bestohlen, ein Mörder ermordet werden. Täter und Opfer können wiederum zur gleichen Zeit Zeugen sein: Zeugen anderer Verbrechen, Zeugen ihres eigenen Unterganges.

Die Gustloff vermittelt den Eindruck, dass auf dem Schiff nur kriegsmüde Unschuldslämmer hockten. Unter den 9000 Opfern tappen gerade mal zwei, drei perfide Nazis wie der „Ortsgruppenleiter Escher“ herum, die wie Witzfiguren wirken. Keiner der Sympathieträger lässt eine Spur von nationalsozialistischem Gedankengut erahnen, welches doch bis in die feinsten Verzweigungen der Gesellschaft gedrungen war, oder spricht eine Sprache, die vom Duktus der damaligen Zeit geprägt ist.


Ruinierte Passagiere auf einem Flüchtlingsschiff als "kriegsmüde" darzustellen, wie kann Joseph Vilsmaier nur darauf kommen? Das muss wirklich ein schlimmer Geschichtsverdreher sein. Auch schon im Duktus der damaligen Zeit kamen die Parteinazis als ausgesprochene Witzfiguren weg: "Goldfasane" nannte man sie. Und wie soll ein Film, dessen Sympathieträger Nazi wäre, durch die Zensur kommen?
Aber Dückers spricht einen entscheidenden Grund dafür an, dass ich damit leben kann, diese Filme nicht zu sehen: Sie sind, nach allem was man über sie liest, von ahistorischen Projektionen aus der Gegenwart in die Vergangenheit durchzogen. Wenn man diese Messlatte allzuhoch anlegt, könnte man allerdings gar keine Historienfilme mehr drehen.
Dann breitet Dückers diesen Begriffs-Knäuel zur Beschreibung deutscher Befindlichkeiten, die hinter dem Film stünden, aus:

Diesmal geht es weniger darum, den Bolschewismus für Hitler verantwortlich zu machen, als die deutsche Täter-Zeitzeugen-Erlebnisgeneration zu rehabilitieren. (Übrigens: Der Ausdruck „Tätergeneration“ ist im Jahre 2008 aus der Mode gekommen. Man wagt zwar noch nicht, von „Opfergeneration“ zu sprechen, hat sich aber im stillen Konsens auf „Zeitzeugengeneration“ geeinigt. In letzter Zeit kann man auch den an Zynismus nicht zu überbietenden Ausdruck „Erlebnisgeneration“ hören.


Man könnte auch von der Täter-Opfer-Zeitzeugen-Generation sprechen: So ist es doch auch im Justizalltag. Einer tut dem Anderen etwas, und ein Dritter wird Zeuge.
Warum sollen die Opfer von Nationalsozialisten (Sozialisten, Kommunisten, Juden, etc.) und die Opfer aller kriegführenden Parteien begrifflich ausgeblendet werden? Die gehören doch zur damaligen Generation wie die Täter. Zeitzeugengeneration erscheint, nachdem was ich oben geschrieben habe, dennoch als passender, neutraler und einfachster Begriff. Andere Begriffe rufen nur totalitäre Kollektivschuldvorwürfe oder Opfermythen wach. Ich will individualistischer Zeitzeuge sein. Soll sich Frau Dückers überlegen, ob sie etwa gerne von Islamisten für das Handelns westlicher Mächte im Irak und Afghanistan als "Täterin" zur Verantwortung gezogen würde.

Das einzige Geschichtsbild, das durch die mediale Erinnerung der zurückliegenden TV-Filme als solche "revidiert" wird, ist vielleicht das Schwarz-Weiß-Geschichtsbild der Antifa, das keinen Platz für Graustufen lässt. Einen Aufschrei renommierter Historiker über den Gustloff-Film habe ich bisher nicht vernommen, dies, obwohl Vilsmaier eine historisch fragwürdige und mir unplausibel erscheinende Verräter-Figur in den Plot einbaute, die geeeignet ist, den Widerstand gegen Hitler zu diskreditieren.

Weiter im Text:

Zudem dürfte der Transport von schwerstverwundeten Soldaten auf der Gustloff die Russen nicht zur Nachsicht bewogen haben: Die erschöpften oder verwundeten Soldaten der Roten Armee wurden auf den langen Märschen in die deutsche Kriegsgefangenschaft von den Wehrmachtssoldaten einfach erschossen; ihre Leichen säumten die Marschroute.


Eine wahrscheinlich ungewollt Rote-Armee-kritische Überlegung hinsichtlich dessen, was der sowjetische U-Boot-Kommandant unternommen hätte, wenn er gewusst hätte, wieviele Schwerstverwundete und Flüchtlinge an Boot der Gustloff waren, nämlich das Gleiche.
Es sind mehrere Fälle bekannt, in denen Rotarmisten deutsche Schwerstverwundete grauenvoll ermordet haben, u.a. durch Aussetzung in der Kälte und Übergießen mit Wasser. Den Zusammenhang mit dem Umgang der Deutschen mit Kriegsgefangen kann man freilich in Frage stellen. Weiß Dückers, dass Rotarmisten, die sich den Deutschen ergeben hatten, aus Sicht der Sowjets verbrecherische Verräter waren, die sie mit dem Tod bedrohten? Die Rote Armee bombardierte sogar Kriegsgefangenenlager der Deutschen und massakrierte selbst Zwangsarbeiter.

Der Film Die Gustloff singularisiert den Nationalsozialismus wieder und fällt damit weit hinter den Forschungsstand der letzten 15 Jahre zurück.


Gewagt erscheint Dückers Verwendung des Worts "singularisieren" ausgerechnet im Zusammenhang mit dem weithin als singulär geltenden Verbrechensregime des Nationalsozialismus und ihrer Ablehung von Geschichtsrevisionismus.
Die Singularität des Holocaust zu bestreiten, ist offenbar nicht ihr Anliegen. Meint sie die Reduzierung der Verantwortung für das Geschehen im 3. Reich auf Adolf Hitler? Kann nur.

Ein Film über den Luxusriesen Gustloff zu sonnigen KdF-Zeiten wäre interessanter gewesen. Ähnlich wie im Seebad Prora auf Rügen schallten ständig Hitlerreden durch die langen Gänge, denen sich niemand entziehen konnte. Auf dem Schiff saßen Nazi-Beobachter, die jeden, der bei solchen Führer-Ansprachen nicht augenblicklich ehrfürchtig verstummte und strammstand, namentlich notierten. Diktatorische Kontrolle auch noch im Urlaub, auf Schritt und Tritt. So fing es an mit der Gustloff.


Ein totalitäres Big-Brother-Traumschiff als historischer Filmstoff, dem sich ein deutscher Regisseur annehmen möge, wird hier allen Ernstes vorgeschlagen. Jemand, der so subtil NS-Aufbereitung betriebe, würde sich in Deutschland schnell Kritik ausgesetzt sehen, er betriebe Verherrlichung oder Verharmlosung des Nationalsozialismus. Zumal gälte der Film wohl als langweilig. Das sind die Realitäten des massenmedialen Betriebs.
Den nationalsozialistischen Hochmut des "Herrenvolks" vor dem Fall zu zeigen, wäre zwar pädagogisch wertvoll, jedoch leben Dramen von der Einheit von Ort, Zeit und Handlung. Ein Querschnitt von 12 Jahren tausendjährigem Reich würde sich schwer an einem Fernsehabend unterbringen lassen.

Die Ausblendung des deutschen Leids am Ende und im Anschluss an den Krieg, der Tanja Dückers des Wort redet, könnte wiederum letztlich dazu führen, dass vergessen wird, wie Krieg und Gewalt auf die Deutschen zurückgefallen sind. Pädagogisch ein Desaster.

Es gibt in Deutschland noch genug Nachkommen von Vertriebenen, die es im Gegensatz zu Dückers absolut nicht uninteressant finden, was damals ihren Eltern und Großeltern im ehemaligen Osten des Deutschen Reichs und in Osteuropa geschehen ist.
Darüber hinaus ist niemand gezwungen, Filme anzusehen, die ihn nicht interessieren.
Mein Großvater wäre beinahe auf diesem Schiff mitgefahren, ließ sich aber trotz seiner Verwundung wieder von der Gustloff zurück zu seiner Einheit nach Danzig abtransportierten, da ihm der Seelenverkäufer nicht geheuer war.
Eine Geschichte wie sie wohl in mancher Familie kursiert.

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