Dienstag, 29. Juli 2008

Gunnar Heinsohns Fragen von Leben und Tod

Zur Zeit beschäftige ich mich mit den Büchern von Gunnar Heinsohn, auf die ich durch seine Publikationen in Zeitungen aufmerksam wurde.

In "Söhne und Weltmacht" referiert er zum Teil einfach nur CIA-Analysen. Aber allein das schon macht in Deutschland interessant.

Sein wichtigstes Werk ist wohl "Die Vernichtung der weisen Frauen".
Die Zentralthese lautet, "daß die Geburtenkontrolle nicht nur durch die Hexenverfolgung weitgehend beseitigt worden ist, sondern dass die Vernichtung der weisen Frauen ausdrücklich in bevölkerungspolitischer Absicht zur Unterbindung der Geburtenkontrolle von Kirchen und Staat ins Werk gesetzt wurde. (...) Das Verschwinden der Geburtenkontrolle ergab sich demnach nicht als unbeabsichtigtes Nebenprodukt einer aus ganz anderen und bisher lediglich noch nicht verstandenen, über Jahrhunderte hinweg betriebenen Massentötung, sondern verdeutlicht erst die politische Rationalität hinter diesen Massakern. Eher lässt sich die neuzeitliche Hexenverfolgung als Nebenprodukt der Geburtenkontrollbekämpfung fassen." (Heinsohn, 5. Auflage, S. 13)

Es soll also bei der Hexenverfolgung, die im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit ihren Höhepunkt erreicht, ganz wesentlich um die Vernichtung von naturmedizinischem Abtreibungswissen und die brutalstmögliche Bestrafung von Verhütung, Abtreibung und Kindstötung gegangen sein, um im Interesse der Obrigkeit (Adel und Kirche als Grundherren) die Wiederbevölkerung Europas nach der Großen Pest anzutreiben.

Den "Teufel" dechiffriert Heinsohn in der Sprache der Hexenjäger ganz wesentlich als die Absicht zur Geburtenkontrolle. Dies erscheint vor dem Hintergrund von Klassikerlektüre gar nicht mal so unplausibel. So lässt noch Goethe seinen Mephisto sprechen: "Besser wär´s, dass nichts entstünde."

Von der historischen Fachwissenschaft werden die Thesen Heinsohns als unbelegt zurückgewiesen. Es wird entgegengehalten, dass die Hexenverfolgung vielfach von der Bevölkerung an die Obrigkeit herangetragen wurde, nicht umgekehrt, was Heinsohn als Verselbständigung des von der Obrigkeit etwa durch die päpstliche Hexenbulle von 1484 angezettelten Geschehens wertet. Vor allem wird kritisiert, dass es nur in einem kleinen Bruchteil der Prozesse um Zauber gegen Nachwuchs gegangen sei. Zeitgeistbeeinflusst wird auch in jüngster Zeit auch die damalige Klimaverschlechterung in den Mittelpunkt gerückt, für die die Bevölkerung Schuldige in den "Hexen" und auch "Hexern" zu finden suchte. (Wie ja auch heute die Klimaschützer die Ursachen des Klimawandels bei den Menschen suchen, eine Anmerkung, die ich mir nicht verkneifen kann.)

Heinsohn hält die Hexenverfolgung nicht nur für ursächlich für den Anstieg der Geburtenzahlen, auf den die Bevölkerungsexplosion zurückzuführen sei, sondern geht in den Folgerungen aus seiner Analyse sogar so weit, zu bestreiten, dass es einen natürlichen Fortpflanzungsimpetus gebe, dieser sei vielmehr historisch in Europa durch die Hexenverfolgung und die sich daran anschließende immer intensivere staatliche Verfolgung aller Arten von individueller Geburtenkontrolle in die Bevölkerung eingepflanzt worden.
Ob man das wirklich aus der Beobachtung, dass in Stammesgesellschaften Geburtenkontrolle betrieben wird, oder die römischen Sklavenhalter lieber auf Adoptivsöhne als auf eigenen Nachwuchs setzten, folgern, zumal auch auf Frauen beziehen kann?

Wenig bestreiten kann man im Gegensatz zur Deutung der Hexenverfolgung als Geburtenkontrollbekämpfung die neuzeitliche Neuheit der Bekämpfung der Abtreibung, der Kindstötung und der Durchsetzung einer auf Fortpflanzungsförderung ausgerichtet deutbaren Sexualdisziplin durch die Strafgesetze, in Deutschland vor allem einsetzend mit der Constitutio Criminalis Carolina 1532. Deren Sexualrecht hat aber nichts (oder nach Heinsohn, die Vorläufer dieser Strafbestimmungen bereits im "Hexenhammer" von 1485 verortet: nichts mehr) mit der Hexenverfolgung zu tun. Reste dieser über Jahrhunderte tobenden eine ganze Gruppe von Delikten erfassenden Strafverfolgungswelle, von der auch die Homosexuellen betroffen waren, die im Hochmittelaltern wie Heinsohn glaubt noch nicht verfolgt wurden, bildet etwa der Inzest-Paragraf im StGB.

Es finden sich freilich auch dazu Interpretationen, die etwaige bevölkerungspolitische Absichten ausblenden, etwas, dass es "in der frühen Neuzeit ... im Zuge des Staatsbildungsprozesses ... und einer angespannten ökonomisch-ökologischen Situation unter dem Eindruck einer Kleinen Eiszeit zum Versuch verstärkter moralischer Kontrolle abweichenden Verhaltens unter religiösen Gesichtspunkten" kam. (Wolfgang Behringer: Hexen, München 2005, S. 89 f.)

In seiner formalen Gestaltung und Gliederung durch Eingangsfragen ähnelt Heinsohns Buch, das mir in der 5. Auflage vorliegt ein wenig dem "Hexenhammer", der historischen Hexenprozessinstruktion von Heinrich Kramer. Möglicherweise ein subtiler Gag Heinsohns, der seine Deutung des Geschehens ganz wesentlich auf Ausführungen in dieser Instruktion stützt.

Am Schluss seines Buches, in dem Heinsohn klare Ratschläge für Einwanderungs- und Bevölkerungspolitik gibt, wird deutlich, dass ihn in seiner Deutung der Hexenverfolgung politische Motive antreiben, die linksliberal-ökologisch zu verorten sind.

"Bis zum Beginn der europäische Neuzeit steht überall auf der Welt die Fortpflanzung in der persönlichen Entscheidung und Verantwortung der einzelnen Menschen." (Die Vernichtung der weisen Frauen, 5. Auflage, S.315)

Damit ist auch das ideologisch-politische Programm Heinsohns für die Gegenwart beschrieben, das er möglicherweise auf die Zustände in der Gesellschaft des Mittelalters zurückprojiziert. Die Rückkehr zu angeblich besseren Zuständen in einem vorvergangenen geschichtlichen Zeitalter stellt oft die historische Unterfütterung von politischen Zielen in der Gegenwart dar. Daher kommt ja auch der Ausdruck "Revolution". Ich bin jedenfalls skeptisch gegenüber der Behauptung, die tribalistische oder feudalistische Vor-Neuzeit sei durch "Verantwortung der einzelnen Menschen" gekennzeichnet gewesen.

Heinsohn mit diesem Bestseller den FemininistInnen 1985 jedenfalls ein Werkzeug (einen "Hammer") an die Hand gegeben, mit denen sie Abtreibungs- und Verhütungskritiker mit fanatischen und gynophoben Hexenjägern des Spätmittelalters gleichsetzen und sich selbst als Nachfahrinnen verfolgter Naturheilkundlerinnen inszenieren konnten. Da die Abtreibungsgegner den Vorwurf des Massenmords erhoben und erheben, konnten die Feministen im Kampf um die Abtreibung diesen Vorwurf nun (historisch) an diese zurückgeben.
Vor dem Hintergrund der Schilderungen Heinsohns, die auch Zitate von (früh-)neuzeitlichen Merkantilisten einschließen, die die Geburtenzahlen pro Frau maximal nach oben treiben wollten, wird plausibel, wie die Feministinnen darauf kamen, davon zu sprechen, Frauen seien zu "Gebärmaschinen" erniedrigt worden.

Das Thema der Geburtenkontrolle bleibt aktuell - auch wenn der Staat seinen Strafanspruch gegenüber der Abtreibung mittlerweile weitgehend aufgegeben hat und Verhütungsmittel für jedermann zugänglich sind - die Katholische Kirche verwirft Abtreibung und Verhütung nach wie vor, und die Politiker sinnen über Wege, wie sie dem neuerlichen massiven Geburteneinbruch in der Moderne entgegensteuern könnten. Derzeit werden noch rein wirtschaftliche Instrumente angewandt, die allerdings laut Heinsohn schon im Römischen Reich den Geburtenschwund nicht aufhalten konnten. Man darf gespannt sein, was noch kommt.
Heinsohn empfiehlt Einwanderung, sprich: Outsourcing der so teuren und anstrengenden eigenen biologischen Reproduktion zur Lösung aller demographischen Probleme, wobei allerdings in "Söhne und Weltmacht" die Tonlage zum Schluss dahingehend schon etwas skeptischer wird als 1985. Vielleicht ist mit Einwanderung doch das eine oder andere Problem verbunden, das möglicherweise von kühnen Bevölkerungsverschiebern wie Heinsohn übersehen worden ist.

Auch Hexenglauben gibt es heute noch weltweit und insbesondere Hexenverfolgungen in Afrika. Bevölkerungspolitische Absichten von Regierungen sind dabei nicht erkennbar.

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