Dienstag, 5. August 2008

Demographischer Übergang

Was war eigentlich vor dem demographischen Übergang, d.h. vor dem 18.Jahrhundert, los? Welches Bild bietet sich bei heute noch existierenden Stammesgesellschaften: Gibt es auch hier die am Fließband gebärende Frau, der die Hälfte der Kinder wegsterben? Diese Situation wurde um die Mitte des 18. Jahrhunderts in Europa angetroffen.

In Übersee bei den Indianern wurde hingegen folgendes vorgefunden:

„Der Jesuit Gili [Filippo Salvatore Gilii, 1721-1789], der fünfzehn Jahre lang die Indianer am Orinoco Beichte gehört hat und sich rühmt, i segreti delle donne maritate zu kennen, äußert sich darüber mit verwunderlicher Naivetät. »In Europa,« sagt er, »fürchten sich die Eheweiber vor dem Kinderbekommen, weil sie nicht wissen, wie sie sie ernähren, kleiden, ausstatten sollen. Von all diesen Sorgen wissen die Weiber am Orinoco nichts. Sie wählen die Zeit, wo sie Mütter werden wollen, nach zwei gerade entgegengesetzten Systemen, je nachdem sie von den Mitteln, sich frisch und schön zu erhalten, diese oder jene Vorstellung haben. Die einen behaupten, und diese Meinung ist die vorherrschende, es sey besser, man fange spät an Kinder zu bekommen, um sich in den ersten Jahren der Ehe ohne Unterbrechung der Arbeit im Haus und Feld widmen zu können. Andere glauben im Gegentheil, es stärke die Gesundheit und verhelfe zu einem glücklichen Alter, wenn man sehr jung Mutter geworden sey. Je nachdem die Indianer das eine oder das andere System haben, werden die Abtreibemittel in verschiedenen Lebensaltern gebraucht.« Sieht man hier, wie selbstsüchtig der Wilde seine Berechnungen anstellt, so möchte man den civilisirten Völkern in Europa Glück wünschen, daß Ecbolia, die dem Anschein nach der Gesundheit so wenig schaden, ihnen bis jetzt unbekannt geblieben sind.“


– Alexander v. Humboldt: Reise in die Aequinoctialgegenden..., Bd. 3, S. 156

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