Donnerstag, 4. September 2008

Herdentrieb in der S-Bahn

Gestern abend hatte ich ein denkwürdiges Erlebnis, das auch zu politischen und historischen Assoziationen einlädt.
Ich steige in die wartende S-Bahn in der Station Friedrichstraße. Es ist schon spät. Der Zug ist gut gefüllt, so dass ich mich erstmal in den Gang stelle. Die übrigen Fahrgäste warteten offenbar schon geraume Zeit, dass der Zug endlich losfährt. Plötzlich scheint einem ein Licht aufzugehen. "Der Zug auf der anderen Seite ist es, in den wir steigen müssen!" Er prescht hinaus, und mit ihm fast alle Zuginsassen! Sie müssen sich beeilen, weil der Zug auf der anderen Bahnsteigseite schon gleich abfährt. Sie quetschen sich in die schließenden Türen.

Ich bleibe mit einer alten Dame im Abteil zurück, während der andere Zug in entgegengesetzter Richtung abfährt. Ich setze mich hin. "Die werden garantiert nicht dort ankommen, wo sie hinwollen, der Zug drüben fahrt ja nach Ahrensfelde, nicht nach Westen", meint die Frau resignativ: "Offenbar haben die Leute das Vertrauen verloren, dass der Zug doch noch losfährt. Da sieht man, dass der Mensch vom Herdentier abstammt."

Wer Zeichen (wie Abfahrtstafeln) erkennen und richtig deuten kann und seiner eigenen Wahrnehmung vertraut, ist in unserer Welt klar im Vorteil. Auch sollte man nicht die Nerven verlieren und vorschnell bewährte Systeme zu verlassen, wenn mal was nicht klappt.

Und mein Zug Richtung Spandau setzte sich in Bewegung.

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