Donnerstag, 4. September 2008

Jessen hält der Jugend den Spiegel vor

Bei der ZEIT ist man auf Nachwuchssuche und fragt gleichzeitig, ob die "Jugend ohne Charakter" sei. Jens Jessen hat offenbar einen Stapel Bewerbungen in die Hand bekommen, was die schiere Wut bei ihm ausgelöst hat. In "Die traurigen Streber" hält er der Gesellschaft und ihrer Jugend den Spiegel vor (nicht das Konkurrenzmagazin, den metaphorischen). Was ihm gut gelungen ist, dass muss man ihm als 68er-Remnanten zugestehen. Ich schrieb ja schon in diesem Blog, dass man aus der Außenseiterperspektive hellsichtig wird. Vor allem Jessens Wort von den "Rehaugen" habe ich mir gemerkt - einfach Klasse!

Die ZEIT bevorzugt freilich, wenn man auf ihre Praktikaauschreibung schaut, selbst schon bei den Berufsschnupperern die gepflegt bürgerlich-akademischen Lebensläufe. Leute, die ihr Studium abgebrochen haben, brauchen sich erst gar nicht bewerben. Kein Wunder, dass Jessen so den Eindruck gewinnt, dass keine Brüche und Umwege mehr in den Biografien zu finden seien.

Es heißt ja, man müsse den Menschen Macht geben, um ihren Charakter zu erkennen. Wenn die Jugend tatsächlich keinen Charakter mehr zeigt, ist das ein Hinweis darauf, dass sie sich ohnmächtig fühlt. Die Übermacht der Alten ist bereits historisch ohne Beispiel, ihre Interessen dominieren die Medien und die Politik. Die Jugendjahrgänge sind durch Geburtenschwund, Verhütung und Abtreibung dezimiert. Es sind überhaupt zu wenig Mitstreiter da, als dass sich noch jugendkollektivistische Prozesse aufbauen könnten, die in irgendwelchen Straßen-Revolten münden. Die Revolte ergäbe eine "sterbende Jagd".

Man kann vielmehr vermuten, dass ich die Jugend in Zukunft noch stärkerer Repression ausgesetzt sehen wird. Jedes Strohfeuer jugendlicher Lebendigkeit und Gefährlichkeit jenseits der Gleise wird vom Rentnerregime panisch ausgetreten werden. Discos und Partyveranstaltungen werden zunehmendem Anwohnerprotest einer lärm-, licht- und rauchempfindlichen Altengesellschaft ausgesetzt sein.

Ja, auch die Akzeptanz der Raucherverfolgung dürfte mit auf die zunehmende Vergreisung der Gesellschaft zurückzuführen sein, denn statistisch nimmt der Anteil der Raucher jenseits der Verrentung rapide ab.

Die Kapitalismuskritik, die Jessen aufwärmt, verkennt, dass der Globalisierungs-Kapitalismus, den es so zur Zeit der 68er noch gar nicht gab, selbst eine revolutionäre Erscheinung ist, die den Globus umwälzt und umkrempelt. Insofern ist die Gründung eines start-up-Unternehmens eine revolutionäre Tat. Jessens Kriminalisierung von kaufmännischer Betätigung mag ich nicht teilen. Zur Unternehmengründung gehört zweifellos Mut, Charakter und auch Idealismus.

Auch sind Wirtschaftsunternehmen Einrichtungen, die sich im Gegensatz zu Parteien und Vereinen fortlaufend verjüngen. Sie sind so ziemlich der letzte Raum, in dem junge Menschen noch ohne die Rentnerkohorten unter sich sein können, während sie in Vereinen und Parteien einer ungeheuerlichen Altenübermacht gegenüberstehen.

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