Mittwoch, 12. November 2008

Stauffenberg revisited

Claus Graf Stauffenberg, der Hitler-Attentäter, hat es bis heute nicht leicht in der deutschen Bevölkerung. Vor allem die Linken (zB in Foren) kolportieren zum Zwecke der Diskreditierung mit großer Enthüllungspose bevorzugt ein Briefzitat, dass sich so anhört:

Die Bevölkerung ist ein unglaublicher Pöbel, sehr viele Juden und sehr viel Mischvolk. Ein Volk welches sich nur unter der Knute wohlfühlt. Die Tausenden von Gefangenen werden unserer Landwirtschaft recht gut tun. In Deutschland sind sie sicher gut zu gebrauchen, arbeitsam, willig und genügsam.

Dieses Zitat wurde auch in neueren filmischen Darstellungen eingebaut, sowie im Wikipedia-Artikel zu Stauffenberg, und soll wohl dramaturgisch die Wandlung vom NS-Mainstream-Saulus zum Widerstands-Paulus illustirieren. Harald Steffahn schreibt dazu vor diesem Zitat:

In anderen Briefen an seine Frau Nina gab er [Stauffenberg] seine Eindrücke über Land und Leute wieder, wobei der Tonfall sich in nichts von dem traditionellen deutschen Überlegenheitsgefühl gegenüber den Slawen unterschied:

[...]

Offenbar völlig verträglich mit diesem Weltbild fand er den gehobenen polnischen Lebenstil auf den Landsitzen. In den letzten Stabsquartieren habe ich in ziemlich heruntergekommenen Chateaus herrliche Empirmöbel gesehen. Unwahrscheinlich schöne Sache, bei denen mir die Augen übergehen. Gerade jetzt bin ich einem Landhaus eines sehr kultivierten Künsters mit sehr schöner Bibliothek und fabelhaften Empiresachen, Betten Nachttische, Spiegel, Bücherschränke, klassisch im Stil und so, wie man sie sich vorstellt.


Besser verständlich wird dieser scheinbare Widerspruch, wenn man annimmt, dass Stauffenberg nicht nur vom völkischen Denken seiner Zeit beeinflusst, sondern auch noch im supranationalen altaristokratischen Denken des gehobenen Adels verwurzelt war. Demnach enthielte das Zitat die Wiedergabe des nationalsozialistischen Kriegsplans zur Unterwerfung Polens unter Ausklammerung der Entvölkerungsabsichten Hitlers, verbunden mit zwei Gemeinplätzen einer Konversation in Adelskreisen jener Zeit, nämlich dass der Pöbel unglaublich sei und man auch an die Landwirtschaft denken müsse. (Man beachte auch den Widerspruch von "Pöbel" zu "arbeitsam", einer oft den Deutschen zugeschriebenen Eigenschaft). Steffahn weiter:


Der kultivierte Kenner und Genießer, der auch mit Vorliebe guten Weinen zusprach ..., konnte übergangslos zu unbarmherziger Härte wechseln, wenn sein Rechtsempfinden verletzt wurde. Im Bereich seiner Einheit wurden zwei Polinnen, Mutter und Tochter, mit Taschenlampen auf dem Speicher entdeckt. Da sie angeblich der polnischen Artillerie Zeichen zugeblinkt hatten, ließ ein Unteroffizier sie umbarmherzig erschießen. Stauffenberg brachte den Mann [...] vor ein Kriegsgericht [...] Bei strafwürdigen Taten endete abrupt seine vielgerühmte Kameradschaftlichkeit. Zusätzlich beweist diese Reaktion, daß sein abschätziger Blick auf die slawische Bevölkerung nichts mit Willkür und dem Herrenmenschenwesen gemein hatte, die sich jetzt bei der Besatzungsmacht auszutoben begannen. Nicht lange, und sie trugen mit zu seiner inneren Wende bei.
(Harald Steffahn, Stauffenberg, Hamburg, 1994, S. 56 f.)


Man kann dazu noch anmerken, dass die Bundesrepublik Stauffenberg nicht deswegen gedenkt, weil er bis etwa 1943 das NS-Regime mittrug, sondern weil er es ab 1943 nicht mehr tat. Wohl nicht zufällig überliefert Steffahn nur sehr wenige politische Stellungnahmen Stauffenbergs, da diese zum Teil noch haarsträubender ausfallen, und widmet sich der Ereignisgeschichte. Dass Zitat oben eignet sich in den Händen von Linkspopulisten besonders gut zur Diffamierung, da das Wort "Jude" fällt, womit man Stauffenberg dann auch noch als großen Antisemiten darstellen kann.

Was ein denkbar gewordenes neopopulistisches Regime mit Menschen anstellen wird, die ihr (christliches) Gewissen entdecken und ihre Rechtsvorstellungen gegen die des konformistischen BRD-Volksheims setzen, kann man angesichts solcher Zitat-Attacken gegen historische Widerständler schon erahnen.

Die Widerstandskämpfer des 20. Juli sind übrigens schon relativ früh rehabilitiert worden.

Über noch einen Aufstand des Gewissens in der FAZ: Ypsilanti-Kritikerin Metzger geht.

1 Kommentar:

Nico Nissen hat gesagt…

Tote zu rehabilitieren ist nicht schwer. Was man wirklich von den "Verrätern" hielt, zeigt der Umgang mit ihren Frauen und Kindern und mit den überlebenden Widerständlern wie Rudolf-Christoph Freiherr von Gersdorff.