Mittwoch, 26. November 2008

Warum sich Liberale auf den 20. Juli 1944 beziehen dürfen

Die Widerstandskreise, die hinter dem Hitlerattentat des 20. Juli 1944 standen, weisen nicht nur Bezüge zu einem patriotischen Konservatismus und zur Sozialdemokratie, sondern auch zum Liberalismus auf.
Wortwörtlich wurden sie von Nationalsozialisten als "liberal" gekennzeichnet:

"Das Bekenntnis zur Schuld kam aus einer ethischen Haltung, die die Stauffenbergs und ihre Freunde über die Masse der Mitläufer in allen Schichten der Gesellschaft weit heraushob. Empört stellte einer die Untersuchung gegen die Erhebung führenden Beamten der Geheimen Staatspolizei nach Monaten eingehender Vehöre fest:
'Die ganz innere Fremdheit, die die Männer des reaktionären Verschwörerkreises gegenüber den Ideen des Nationalsozialismus kennzeichnete, kommt vor allem in der Stellung zur Judenfrage zum Ausdruck. Die Erlebnisse der Jahre [vor] 1933 und die auf ein breites Tatsachenmaterial gestützte Aufklärungsarbeit der NSDAP über die Judenfrage ist an diesem Kreis von Personen spürlos vorübergegangen. Trotz aller bitteren Erfahrungen, die das deutsche Volk und wahrscheinlich auch sie selbst bis 1933 haben machen müssen, stehen sie stur auf dem Standpunkt des liberalen Denkens, das den Juden grundsätzlich die gleiche Stellung zuerkennen will wie jedem Deutschen.'
Die Aussagen von Berthold und Alexander Graf Stauffenberg gegenüber ihren Vernehmern belegen diese allgemeine Feststellung auch im Einzellfall."

(Peter Hoffmann: Clauf Schenk Graf von Stauffenberg und seine Brüder, Stuttgart 1993, S. 11. Hervorhebg v. mir)

Die Opposition gegen Hitler kennzeichnete sich auch selbst als liberal:

Helmuth James Graf von Moltke berief sich bei seinen Kontaktversuchen zu den Engländern "in Istanbul auf ungenannte Personen in hohen und militärischen und zivilen Stellen, sowie andere >liberale< Elemente und Arbeitervertreter" (S. 357).

Die Zielsetzung der Fronde des 20. Juli weist mit der Wiederherstellung der von Hitler außer Kraft gesetzten Grundrechte der Weimarer Verfassung unverkennbar liberale Gehalte auf (S. 343). Die "Regierungserklärung", die unter Mitarbeit Stauffenbergs entstand, erkennbar aber vom wirtschaftliberalen Nationalkonservativen Carl Goerdeler geprägt war, umfasste:
"Wiederherstellung des Rechts; Wiederherstellung der Moral; Kampf gegen die Lüge der Propaganda; Wiederherstellung der Freiheit des Geistes, des Gewisssens, des Glaubens und der Meinung; Erneuerung der Erziehung und Bildung der Jugend auf christlich-religiöser Grundlage bei äußerster Duldsamkeit gegenüber Andersgläubigen,...,eine neue Verfassung, grundsätzliche Freiheit der Wirtschaft; ausgleichende Sozialpolitik; ... Zur Wiederherstellung des Rechts gehörten Rechtsgleichheit, ...die Bestrafung rechtsbrecherischer Richter, die Sicherheit der Person und des Eigentums, die Auflösung der Konzentrationslager, die Festsetzung einer Verfassung mit Zustimmung des Volks und der Frontsoldaten... Die Judenverfolgung, 'die sich in den unmenschlichsten und unbarmherzigsten, tief beschämenden und gar nicht wiedergutzumachenden Formen vollzogen hat', werde sofort eingestellt. Die Androhung, alle Rechtsbrecher werden der verdienten Strafe zugeführt, gilt natürlich auch für die hier Schuldigen."
(S. 346 f., Hervorhebg v. mir)

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