Donnerstag, 29. Januar 2009

Antibürokratieteam, Stauffenberg und Widerstandsgeist

Jo@chim vom Antibürokratieteam spricht Stauffenberg wegen seiner Gesinnung, die aus einem seiner Briefe spricht, in dem er von der Front über Polen schimpft, eine Vorbildfunktion für Liberale ab, andererseits empfiehlt er in der Diskussion bei eifrei den Kommunisten Georg Elser. So geht das nicht. Das sind Reflexe eines Ex-Kommunisten.

Liberale Vorstellungen finden sich auch bei Stauffenberg, wenn auch lt. Jo@chim beim “Hof-Historiker” Hoffmann zitiert. (Wessen “Hof” eigentlich?) Die Frage der Westorientierung des militärisch-bürgerlichen Widerstands halte ich auch für wichtig, und sie ist gegeben, da die 20.-Juli-Leute auf einen Teilfrieden im Westen hofften.

Die Frage, die Stauffenberg an Liberale heute stellt, ist, welchen Widerstand sie gegen Fehlentwicklungen innerhalb des Staatswesens, dem sie angehören, und gegen Feinde des Westens zu leisten bereit sind.

Komischerweise muss es damals im Widerstand ganz ähnliche Diskussionen gegeben haben, ob denn dieser neu hinzugekommene Stauffenberg vertrauenswürdig sei… heute befeuert der Film mit Tom Cruise Debatten in Deutschland, ob und inwieweit Stauffenberg als politisches Vorbild, Nationalheld oder (christlicher) Märtyrer gesehen werden kann, mit Für - und Gegenpositionen.

Kommentare:

Dagny hat gesagt…

Im A-Team wollte ich des Burgfriedens willen die Diskussion nicht weiter aufheizen. Mit ein bischen googeln findet man eine kritische Betrachtung der Tat von Elser aus moralischen Gesichtspunkten: Seine Bombe hat in einer 'Fire-and-Forget' Apparatur u.a. eine Kellnerin getoetet, waerend Elser selbst sich in die Schweiz absetzen wollte. Er habe, so die Kritik, sich nicht darum gekuemmert, dass das Attentat wirklich gelingt oder dass es gestoppt wird, wenn die Durchfuerhung nicht mehr gewaehrleistet ist.

Darueberhinaus kann man sicher kontrovers darueber diskutieren, wohin ein alleiniges Attentat ohne den Versuch zu machen, den Nationalsozialismus mit zu beseitigen, gefuerht haette?

Ist Stauffenberg ein politisches Vorbild fuer Liberale? Brauchen Liberale politische Heldenfiguren oder wird ein Heldenkult, auch ein Liberaler, einer (zwingend komplexen) Person niemals gerecht?

v. Treschkow, v. Stauffenberg, v. Boeselager und andere waren adelig und gehoeren damit einer Elite qua Geburt an. Dass es gerade diese Elite qua Geburt war, die am ehesten in der Lage gewesen waere, den - vom 'Poebel auf der Strasse ins Amt gebrachten' Hitler zu stoppen ist ein Treppenwitz der Geschichte an den viele heute nur ungern erinnert werden wollen. Deshalb passt Stauffenberg und der 20. Juli der offiziellen Politik nicht so recht.

Die Verschwoerer wollten zum einen die Verbrechen der Nazis stoppen, den strategisch nicht mehr zu gewinnenden Krieg beenden und nicht zuletzt das Reich in den Grenzen von etwa 1937 erhalten.

Die ersten beiden Ziele wird kein Liberaler verneinen, ueber das dritte laesst sich streiten.

scrutograph hat gesagt…
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scrutograph hat gesagt…

Wobei anzumerken ist, dass sich etwa Graf Moltke schon mit dem Verlust seiner schlesischen Güter, also mit dem Verlust dieser Gebiete, abgefunden hatte, und sich trotzdem an der Konspiration beteiligte, wie beim "Hofhistoriker" Hoffmann nachzulesen ist.

Außerdem kratzt die cineastische Konfrontation mit dem Widerstand an der "Kollektivschuld", in der man sich so bequem eingerichtet hat. Also versucht man an den Widerständlern, die sich aus der kollektiven Höllenfahrt ausgeklingt hatten, herumzupflücken.

Die meisten Menschen benötigen persönliche Vorbilder für ihr Handeln, abstrakte Prinzipien allein reichen nicht.

Stauffenberg ist sicherlich nur mit Abstrichen als Vorbild (vor allem für Handelnde, etwa die Bundeswehr) diskussionswürdig. Aber nur auf seinen Fehlern herumzureiten, geht auch nicht an.

Dagny hat gesagt…

Bei meiner Recherche zu dem Thema bin ich darauf gestossen, dass der 20. Juli 45 bewusst NICHT als Gedenktag verwendet wurde, weil man, d.h. die Siegermaechte, das Bild der Wehrmacht nicht mit solch einer (Helden)Tat aufwerten wollte.

Finde aber die Quelle (englisches Wikipedia) nicht mehr.

Interessant waere ja auch die Rezeption einer (gelungenen) Beseitigung Hitlers (und der NS) durch die (West)Alliierten.

Anonym hat gesagt…

jo@chim zählt Georg Elser als einen von denen auf, welche die von Hitler ausgehende Gefahr frühzeitig erkannt hat. Er hätte auch noch Trotzky aufzählen können, der ganz erstaunliche Dinge über das Thema schrieb. Was daran Reflex eines Ex-Kommunisten sein soll, bleibt mir schleierhaft. Es sind einfach Facts und wir sollten uns in Kontroversen auch auf Facts beschränken.

-Emmett

jo@chim hat gesagt…

Mein lieber Scrutograph,

es ist schlechter Stil IMHO, im einen Blog einen Kommentar zu posten und dann im eigenen denselben Text noch einmal als Beitrag. Noch schlechterer Stil ist es, jemanden der in einer Diskussion an verschiedener Stelle seine Auffassung argumentativ und mit vielen Quellenverweisen versucht hat zu erläutern, reflexhaftes Diskussionsverhalten (gleich aus welchem Grunde) zu unterstellen. Aber sei's drum.

Nur zwei Richtigstellungen und eine Anmerkung noch:

1. war Georg Elser kein Kommunist, sondern lediglich 1928/1929 im RFB Mitglied gewesen und ich habe ihn, wie schon Emmett richtig angemerkt hat, keineswegs als Vorbild "empfohlen"

2. hat Herr von Stauffenberg in der von mir zitierten Textstelle aus dem Brief an seine Gattin nicht "über Polen" geschimpft, sondern sich über die "vielen Juden" und das (sic!) "Mischvolk" echauffiert , das sich nur "unter der Knute" wohlfühle. Wahrhaft ein grosses Vorbild für Liberale! Er konnte natürlich nicht ahnen, dass Adolf Hitler, den er noch bei den Reichspräsidentenwahlen gegen Hindenburg unterstützt hatte, nicht die Knute, sondern das Gas für den "unglaublichen Pöbel" vorgesehen hatte...

3. ist es schon ein starkes Stück, den Versuch einen Separatfrieden zu schliessen, als “Westorientierung” zu bezeichnen - die Westalliierten sind auf derlei aus gutem Grund nicht eingegangen.

Ich halte Stauffenberg für eine tragische Gestalt, die versuchte, das Ruder fünf nach zwölf noch herumzureissen. Sicher hat er am Ende heldenhaft gehandelt, zur "Ehrenrettung auf Minimalniveau" (danke für den Link) reicht das, keineswegs aber für einen Heldenkult - schon gleich gar nicht von liberaler Seite.

scrutograph hat gesagt…
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
scrutograph hat gesagt…

Elser war kein Kommunist... ja genau, nur mal in der Kampforganisation der KPD aktiv gewesen. Westorientierter als die Kommunisten waren die 20.-Juli-Leute allemal.

Als Vorbild für den FDP-Liberalismus taugt der sowieso unparteiliche Stauffenberg in der Tat nicht: Da werden ganz andere Leute verehrt: Reinhold Maier und Theodor Heuss zum Beispiel, die zum Ermächtigungsgesetz das Ärmchen hoben, um dann 1945 wieder aus der Versenkung aufzutauchen.

Stauffenberg bezog sich in dem Briefzitat auf den Gesamteindruck, den ihm die (wahrscheinlich durch Kriegsnot verwahrloste) polnische Bevölkerung auf den Straßen bietet, nachdem er zuvor über die schlechten Straßenverhältnisse schimpfte. Dabei gibt er mit eigenen Worten den NS-Kriegsplan zur Unterwerfung Polens wieder, unter Ausklammerung der Schaffung von "Lebensraum" durch Entvölkerungspolitik.

"Pöbel" ist eine Formulierung, die ich auch in liberalen Kreisen durchaus noch in unseren Zeiten fallen gehört habe. ZB Jens Jessen von ZEIT schrieb so über seine Kritiker.

Fraglos ein nicht mehr zeitgemäßes Wort. Niemand sollte sich so erhaben über seine Mitmenschen dünken, möchte man meinen.

Stauffenberg ist sicherlich kein schlechthin vorbildlicher Mensch, wie etwa es die mythische Figur Mohammed für Muslime ist. Stauffenberg ist die Ikone, jetzt auch Pop-Ikone, die die hinter ihm stehenden deutschen Widerstandskreise repräsentiert, für die er gehandelt hat.
Wer behauptet denn, sein Einsatz für den Nationalsozialismus bis in den Krieg hinein sei vorbildlich?

classless hat gesagt…

Wenn stimmen sollte, was Frank Schirrmacher schrieb, daß "dieser Film (...) das historische Bild Deutschlands in vielen Ländern für Jahre prägen" wird, dann ist die deutsche Reeducation der Restwelt erfolgreich gewesen. Stauffenberg, "der einzige deutsche Widerstandskämpfer im Nationalsozialismus", der "Hitler ganz allein mit einer Niederlage besiegt" hat (Jürgen Kiontke), steht für die widersprüchliche Botschaft, die die Deutschen seit dem Krieg in die Welt funken: Wir waren fast alle dagegen, aber einer wäre auch genug gewesen.

http://www.classless.org/2009/02/16/operation-walkure-vs-operation-barbarossa/