Samstag, 31. Januar 2009

Die Geschichtstragödie des 20. Juli und ihr Nachhall

Weitere lesenswerte Reaktionen auf die Debatten, die der Film "Operation Walküre" auslöst:

Felix Sven Kellerhof schimpft in der WELT über die historischen Unzulänglichkeiten des Films. Die WELT hat ja schon Bernd Eichinger wegen seines Films "Der Baader-Meinhof-Komplex" wegen minimaler historischer Fehler angeschossen. In Bryan Singers frei gestaltetem Politthriller werden sie mit dem Fehlerzählen gar nicht mehr fertig. Dazu kann man nur sagen: Gerade weil sich die Macher von "Operation Walküre" nicht pedantisch an die historischen Details halten, ist ihr Film auch so spannend, hat nicht das Flair eines Aktenschranks (wie man es am Film "Der Untergang" kritisierte) und refinanziert sich ohne staatliche Subventionen.

Der Historiker Richard J. Evans erklärt Stauffenberg zum "strikten Antidemokraten"

Immerhin legte dieser "strikte Antidemokrat" eine Bombe, um eine bürgerliche Regierung (Beck/Goerdeler) ins Amt zu bringen, die ein 2-Kammersystem plante, möchte man anfügen. Auch ist nachvollziehbar, wenn sich jemand nicht für die Demokratie der Weimarer Republik begeisterte, diese ist auch 1949 so nicht wiederhergestellt worden. Die Süddeutsche bringte eine eingehende Erwiderung: Die Entlarvung des 20. Juli:

Man hat sich daran zu erinnern, dass bis Ende der fünfziger Jahre und länger die überwältigende Mehrheit der deutschen Bevölkerung das Attentat und seine führenden Männer geradezu stigmatisierte (Die Zeit vom 8. 1. 2009). Die Motive hierfür, das deutet Evans Text mit Recht an, speisten sich einerseits aus Überbleibseln der nazistischen Mentalität der Bevölkerungsmehrheit, zum anderen aber aus dem Ressentiment einer neuen kleinbürgerlichen Mittelschicht, die mit Charakteren wie Stauffenberg, Tresckow, Kleist, Schulenburg, Bussche, Trott zu Solz, aber auch Moltke und Yorck von Wartenburg kulturell, politisch und psychologisch nichts mehr anfangen konnte. Dass auch eine Reihe bürgerlicher Männer von Rang und Namen - der bekannteste ist wohl Dietrich Bonhoeffer - als frühe Widerständler ihr Leben verloren, hat dieses Vergessen nicht verhindern können.


Was sagen die eher gemäßigten Internet-Antifaschisten von der ZEIT zur Vereinnahmung des 20. Juli durch die nationalkonservative "Junge Freiheit"?

Störungsmelder: Held der Nation? Wie die Junge Freiheit mit Held Stauffenberg andersrum Geschichtspolitik treibt.

Wir verneigen uns daher vor dem Ernst des Lebens und allen Widerständlern des Dritten Reiches. Auch vor Oberst Stauffenberg. Ohne Hintersinn.


Die deutschen Widerstandskreise haben während des Dritten Reichs eine wirklich bühnenreife Tragödie abgeliefert, die an Shakespeare, etwa Hamlet, erinnnert: Von der Feststellung, dass etwas faul im Staate Dänemark sei, verzögern qualvolle Debatten über religiöse, moralische und taktische Zweifel, dass zuletzt doch noch "der entscheidende Wurf gewagt" (Tresckow) wird, der in der völligen Trägodie, Justizmord und Selbstmord endet. Am Ende treten wie bei Hamlet Invasoren aus fernen Landen auf die Bühne, die nur noch die Leichen der Ermordeten und Selbstentleibten auflesen können.

Die einzige Bühnenfassung ("Stauffenbergs Schwur", 2007 ) wird dieser Besprechung nach dem dramatischen Potential, das in dem Stoff liegt, allerding nicht gerecht.

Die Befehlsverweigerung des NATO-Generals Egon Ramms ist ein aktuelles Beispiel für einen Offizier, der sich neben der Befehlskette auch am eigenen Rechtsgewissen orientiert, wie dies mehrmals in der preußisch-deutschen Geschichte offenbar wurde.

Beziehungsreich finde ich, dass der Film mit Tom Cruise über Leute, die eine Regierung stürzen, Konzentrationslager schließen und Kriegsverbrecher verurteilen wollen, in der Zeit des Machtwechsels von Bush zu Obama fällt. Von wegen das hätte alles keinen Gegenwartsbezug. ;-)

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