Freitag, 29. Mai 2009

Spesenskandal in England: Das Parteiensystem wankt

England wird gerade von einem Spesenskandal um "gierige Abgeordnete" erschüttert. Ist es Zufall, dass derartige Enthüllungen gerade in die Zeit wirtschaftlicher Verschlechterungen und Zusammenbrüche fallen? In Zeiten der wirtschaftlichen Krise wird der Blick für vermeintlich oder tatsächlich unverdiente Vorteile von Mitmenschen schärfer, ungnädiger und mißgünstiger.

Es werden infolge des Spesenskandals erhebliche Umbrüche im Parteiensystems England erwartet bzw. befürchtet, das Erstarken konservativer EU-Gegner und der rechtsradikalen BNP.

Forschungsobjekt James Bond

James Bond wird nächste Woche vom 5. bis 7. Juni in Saarbrücken wissenschaftlich ergründet. Zu komisch, erst vor kurzem habe ich einen Aufsatz zum Thema geschrieben, in dem ich insbesondere auch das Verhältnis zu Deutschland in den James-Bond-Filmen beleuchtet habe. Hier der Trailer des vielleicht besten Bond-Films "Goldfinger". Der Schauspieler, der den Schurken gibt, ist natürlich ein blonder Deutscher, Gert Fröbe. Das lief schon damals gut. Wahrscheinlich haben die Rassismus-Vorwürfe gegen Bond-Autor Ian Fleming auch damit zu tun. Fleming war im 2. Weltkrieg in einer Kommandoeinheit der Briten, die hinter den feindlichen Linien operierte.

Montag, 25. Mai 2009

Ranzion, Kriegsgefangene und Piraten

Ranzion? Was soll das sein? Ein heute fast unbekanntes Wort, dass in alten Zeiten über das Mittelalter bis in die Neuzeit hinein das Lösegeld für gefangene Soldaten bezeichnete. Kriegsgefangene waren einstmals echte Dukatenesel. Man kann sich vorstellen, dass man sie gar nicht so schlecht behandelt hat. Unklar bleibt im Wikipedia-Artikel zum Thema, was geschah, wenn Kriegsgefangene sich nicht aus der Gefangenschaft herausranzionieren konnten. Mit der franzöischen Revolution kam das Ranzionieren außer Gebrauch, das Revolutionsheer wollte nur noch Gefangene austauschen. Ob das zum Segen der Kriegsgefangenen war? Im 2. Weltkrieg ließen NS-Deutsche und Sowjet-Russen ihre Kriegsgefangenen massenweise verkommen, auf beiden Seiten überlebten nur etwa die Hälfte die Kriegsgefangenschaft. Heute verlangen nur noch die Piraten im Indischen Ozean so etwas wie Ranzion.

Samstag, 23. Mai 2009

"Die Polizei beschäftigt Idioten!"

...So kommentierte seinerzeit Ulrike Meinhof die Ermordung Benno Ohnesorgs durch den Polizisten Karl-Heinz Kurras und den darauffolgenden Freispruch. "Ein Mann, der nicht weiß, was er tut!" Jetzt hat sich herausgestellt, dass Kurras inoffzieller Mitarbeiter der Stasi, wohlversierter Waffennarr und SED-Mitglied war. Kurras wusste durchaus, was er tat, im Gegensatz zu den vielen übrigen Idioten der Westberliner Polizei, die es nicht schaffte, Kurras zu enttarnen. Hier der Filmbericht des ZDF:

Mittwoch, 20. Mai 2009

Vera Lengsfeld über den Prozess gegen John Demjanjuk

Vera Lengsfeld schreibt in ihrem Doppeltagebuch am 8. Mai 2009 bei der "Achse des Guten":
"Das Kriegsende ... spielt unter den heutigen Topthemen keine Rolle. Eher schon die bevorstehende Auslieferung von Iwan Demjanjuk, dem Mittäterschaft am Tod von tausenden Häftlingen vorgeworfen wird. In der stalinistischen Sowjetunion war der Mann Traktorfahrer. Er hat also die stalinistische Willkür gegenüber der ländlichen Bevölkerung miterlebt. Dann wurde er Soldat. An der Front hat er mitansehen müssen, wie die Soldaten der Roten Armee verheizt wurden. Als er gefangen genommen wurde, wusste er, dass seine Familie daheim verhaftet und in die Lager deportiert werden würde. Nach einem stalinistischen Gesetz war nicht nur der kriegsgefangene Soldat ein Verräter, sondern eben auch seine Familie. Er hat sich dann von den Nazis anwerben lassen und als Aufseher in Vernichtungslagern gearbeitet. Als „Iwan der Schreckliche“ soll er dort unzählige Gräueltaten begangen haben. Die Israelis haben ihn dafür zum Tode verurteilt, nach sieben Jahren Haft wegen Mangel an Beweisen freigelassen. Demjanjuk kehrte nach Amerika zurück. Was bleibt vom Leben, wenn die frühere Existenz von den beiden totalitären Diktaturen so vollständig zerrieben wurde? Nun will ihn die deutsche Justiz und man wird das Gefühl nicht los, sie will ein Exempel statuieren, um von ihrem Versagen bei der juristischen Bewertung der Verbrechen der beiden totalitären Diktaturen des letzten Jahrhunderts abzulenken."

Versagen der deutschen Justiz. Ja. Man studiere nur den Fall der Helene Schwärzel: Sie wurde als Denunziantin als einzige für die Hinrichtung Goerdelers zur Rechenschaft gezogen, niemand sonst aus dem Justizappparat, kein Richter, kein Polizist. Die naive Buchhalterin als Bauernopfer der Strafverfolgung.
Kann es sein, dass nationale Strafverfolgungsbehörden, deren Aufgabe es eigentlich ist, aktuelle Bedrohungen und Verletzungen der Wertordnung zu bekämpfen, mit der Aufarbeitung ganzer ideologischer Systeme der Vergangenheit und ihre übriggebliebenen Gespenster überfordert sind? Allein an der Judenverfolgung und -vernichtung während des 2. Weltkriegs beteiligten sich 400 000 Menschen europaweit. Dann kommt hinzu, dass die landesinterne Aburteilung von untergegangenen Politsystemen das zukünftige Zusammenleben der Menschen in der neuen Ordnung des Landes belastet, ein Gedanke den der Rechtswissenschaftler Bernhard Schlink einmal einbrachte. Insofern war das internationale Tribunal von Nürnberg ein Segen. Die selbständige Aburteilung der Kriegsverbrecher durch die Deutschen war zwar auch ein Ziel der Putschisten des 20. Juli 44, diese gingen jedoch irrig von viel niedrigeren, zT nur fünfstelligen, Opferzahlen aus. Man fragt sich, wie es eigentlich mit der Bestrafungsgerechigkeit aussieht, wenn die Hauptverantwortlichen und dann nur noch verstreute Einzelrädchen der Systeme wie ein Exempel bestraft werden.

Europas Zukunft: Die Rente ist jedenfalls sicher...

Das ist doch endlich mal ein politisch zukunftsfähiges Projekt - eine Rentnerpartei:


Es gibt Konkurrenz in diesem zukünftig heißumkämpften Wählersegment:


Ich kann mich noch nicht so recht entscheiden...Jedenfalls wird hier nicht wie bei den "Grauen" um das heiße Breichen herumgeredet, sondern Tacheles gesprochen: Rentenbeitragspflicht für alle...

Die Jagd auf die Glühbirnen ist eröffnet

Hamsterkäufe auf Glühbirnen stehen an, da diesen von der EU das Ende verordnet sind. Allerdings halten sich Märkte und Konsumenten nicht immer an die Vorgaben ökosozialistisch-etatistischer Politiker. Jetzt werden Maßnahmen gegen Import-Glühbirnen geplant. Danke an das antibürokratieteam für diese gelungene Kommentierung des Geschehens.

Der Scrutograph fühlt sich irgendwie angesprochen...

Dienstag, 19. Mai 2009

General Wlassow in Ton und Bild: Verlesung des Prager Manifestes 1944



Die historische Aufnahme zeigt den mit den Deutschen verbündeten russischen General Andrej A. Wlassow bei der Präsentation des Prager Manifests des "Komitees für die Befreiung der Völker Russlands", KONR, 1944. Es ist nicht zu verwechseln mit dem Prager Manifest der deutschen Exil-SPD, enthält allerdings liberale und sozialdemokratische Forderungen. Joachim Hoffmann, der verstorbene Direktor des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes, schrieb als einer seiner wohlwollendsten Historiker über Wlassow: "Sein Name ist mit dem einzigen Versuch zum Sturz des Sowjetregimes verbunden, der reale Erfolgschancen hatte." In Wirklichkeit verfügte Wlassow aber bis 1944 über keine reale Kommandogewalt über die "Russische Befreiungsarmee", dies war ein Phantomarmee: Mit dem Ausdruck wurden alle verstreuten russischen Klein-Verbände und russischen Soldaten auf der Seite der Wehrmacht bezeichnet, die mit Wlassow sympathisierten und dies mit einem Abzeichen bekundeten. Dieses ist oben rechts im Filmausschnitt zu sehen. Erst Ende ´44 wurden gerade mal zwei Divisionen gebildet und Wlassow unterstellt. Die in Prag stationierte KONR-Division wechselte kurz vor Kriegsende noch die Seiten hin zu den tschechischen Aufständischen und lieferte sich Scharmützel mit den deutschen Besatzern.

Wlassow kam viele Jahrzehnte zu früh und hatte mit den Nationalsozialisten die falschen Verbündeten, die ihn zuletzt nur aus Opportunismus und Verzweiflung propagandistisch ins Spiel brachten. Wlassow seinerseits rechnete Ende 1944 nicht mehr mit einem Sieg NS-Deutschlands. Der Sinn des Prager Manifestes dürfte gewesen sein, sich den Westmächten als Verbündeter in der sich abzeichnenden Ost-West-Konfrontation zu empfehlen.

Ende der 1940er Jahre wurde von den Amerikanern nochmals eine antikommunistische Bewegung ins Leben gerufen, die fast namensgleich mit dem Komitee Wlassows "American Committee for the Liberation of the Peoples of Russia" hieß.

Eine personelle Kontinuität zwischen beiden Organisationen verkörperte Konstantin G. Kromiadi, der auch in obigem Filmausschnitt (Sekunde 14, ganz rechts) zu sehen ist, und für das "Radio Liberty" des amerikanischen Komitees arbeitete. Viele andere, die im Video zu sehen sind, überlebten die Kriegserklärung an den Bolschewismus nicht.

Montag, 18. Mai 2009

Die Kunst des Trailers: "Dr. Schiwago" (1965) und der russische Bürgerkrieg



Einer der besten Trailer, den ich je sah, obwohl er noch von 1965 und der Sprecher ein wenig marktschreierisch ist. Pasternaks "Dr. Schiwago" ist mittlerweile mit einem Remake nochmals gedreht worden, aber schon der Trailer weckt die Neugier eher die alte Originalverfilmung zu sehen - wobei er sogar unterhaltsamer als der Film selbst sein könnte, der als "Schmonzette" kritisiert wird.
Es werden die Ausschnitte so gezeigt, dass unklar bleibt, wie der jeweilige Handlungsstrang endet. Etwa der Pistolenschuss, den Lara (Julie Christie) abfeuert, wer wird damit getroffen? Wohin fährt sie auf dem Schlitten? In welche Schlachten des russischen Bügerkriegs reiten die Befehlshaber zu Pferde? Woher hat der "young revolutionary leader" die frische Narbe her? Zu allem ist die Filmmusik von Maurice Jarre bemerkenswert.

Oktoberrevolution 1917 und russischer Bürgerkrieg zwischen Roten und Weißen sind zeitgeschichtliche und politische Schlüsselereignisse des "Zeitalters der Extreme", die die Fraktionsbildungen der späteren Kämpfe im 20. Jahrhundert für Europa vorprägten. Die Pasternak-Kektüre könnte hier ein erster Schlüssel sein.

Ich freue mich über Hinweise von Lesern auf besonders geniale Trailer. Mithin ja eine Kunstform für sich.



Der Trailer hat mich motiviert, mich einmal auf dem ukrainischen Kriegsschauplatz nach der Oktoberrevolution umzusehen:
Dort bekriegte sich die finstere anarchistische Partisanenbewegung des Nestor Machno (links)
mit der Weißen Armee des General Denikin (rechts).




Offiziere Denikins wurden von der Machno-Bewegung bei Gefangennahme sofort hingerichtet, den Soldaten ihre Oberbekleidung abgezogen, ein auch sehr grausamer Akt im russischen Winter. Nestor Machno musste dann zuletzt vor seinen ehemaligen Verbündeten aus Moskau nach Frankreich fliehen. Denn die Revolution frisst bekanntlich ihre Kinder. Denikin ähnelt einer der Figuren aus dem Trailer zu "Dr. Schiwago".

Donnerstag, 14. Mai 2009

Trawnikis, Judenpogrome und SS: Die Ukraine und die Vergangenheit

Während in Deutschland täglich Zeitungsberichte über den Prozess gegen den Trawniki John Demnjanjuk die öffentliche Debatte stimulieren, gibt es in Demjanjuks Heimat, der Ukraine, rechtliche Bemühungen und Diskussionen, die in eine ganz andere Richtung weisen: Nationalisten wollen dort die Angehörigen der Waffen-SS-Division Galizien rehabilitieren, und ihnen wie ehemaligen Rotarmisten den Veteranenstatus zuerkennen.

Man kann darüber spekulieren, dass der Prozess in Deutschland sich unter anderem auch gegen derartige Entwicklungen in Osteuropa wendet. Um individuelle Abschreckung kann es nicht gehen. Greis Demjanjuk ist als präsumtiver Teilnehmer eines vor Jahrzehnten beendeten genocids nicht rückfallgefährdet. Schon mit der Ausweisung aus den USA und der Abtrennung von der Familie hat man ihm im Sinne des ius talionis Übel zugefügt. Die Haft selbst dürfte einem immobilen Greis kaum noch viel zusätzlich zufügen. In Japan provozieren mittlerweile alte Menschen die Einweisung in eine Haftanstalt, um im Alter versorgt zu sein.
In den Medien wird vermittelt, es gehe eigentlich um die Wahrheit. Es wird so getan, als hinge die Historizität des Holocaust davon ab, dass Demjanjuk gesteht, als Wachmann und nicht als Fahrer für die SS gearbeitet zu haben. Letzteres hat er schon lange zugegeben. Man scheint also auch die irren Holocaustleugner so sehr zu fürchten, dass man offenbar glaubt, jedes zusätzliche Urteil, jedes Geständnis, das Teile des historischen Tatbestandes nocheinmal amtlich festhält, zu benötigen. Ob dieses eigentliche Ziel - das Geständnis - aber erreicht wird. Solange die Strafandrohung über Demjanjuk schwebt, wird er so wenig zugeben wie möglich. Erst recht nicht, dass er aus antisemitischem Nationalismus bei den Trawnikis mitgemacht habe, um die Ukraine von den "jüdischen Ausbeutern" zu "befreien". Denn dann hätte man ihm das Mordmerkmal "sonstiger niederer Beweggrund" in Form von "Rassenhass" nachgewiesen. Demjanjuk hat sich später mW nie durch antisemitische Kundgaben hervorgetan. Dass er aus Opportunismus mittat, ist also nicht unwahrscheinlich. D`s Verteidigung stellt folglich auf den "Entschuldigenden Notstand" im StGB ab. Dazu müsste sie nachweisen, dass Demjanjuk erschossen worden wäre, wenn er desertiert wäre.

Der russische Sender RT sendete am 20. April einen Beiträg über eine Initiative Russlands, Neonazismus in postsowjetischen Staaten zu bekämpfen:



Der Beitrag hat eine Tendenz gegen die Balkanstaaten und die Ukraine. Vor dem Hintergrund, dass Russland selbst ein beträchtliches Neonazi-Problem hat, über das sich der Beitrag ausschweigt, bleibt ein schlechter Beigeschmack dieser Berichterstattung, die gegen Länder gerichtet ist, die sich westlich orientieren und mit den USA zusammenarbeiten. Dazu gehört auch Georgien, dessen Staatspräsident angesichts der letzten Auseinandersetzungen um Ossetien von russischen Medien propagandistisch als neuer Hitler dargestellt wurde. Letztlich sind das Versuche unter Russland und seinen Anrainern, sich gegenseitig zu diskreditieren.