Donnerstag, 14. Mai 2009

Trawnikis, Judenpogrome und SS: Die Ukraine und die Vergangenheit

Während in Deutschland täglich Zeitungsberichte über den Prozess gegen den Trawniki John Demnjanjuk die öffentliche Debatte stimulieren, gibt es in Demjanjuks Heimat, der Ukraine, rechtliche Bemühungen und Diskussionen, die in eine ganz andere Richtung weisen: Nationalisten wollen dort die Angehörigen der Waffen-SS-Division Galizien rehabilitieren, und ihnen wie ehemaligen Rotarmisten den Veteranenstatus zuerkennen.

Man kann darüber spekulieren, dass der Prozess in Deutschland sich unter anderem auch gegen derartige Entwicklungen in Osteuropa wendet. Um individuelle Abschreckung kann es nicht gehen. Greis Demjanjuk ist als präsumtiver Teilnehmer eines vor Jahrzehnten beendeten genocids nicht rückfallgefährdet. Schon mit der Ausweisung aus den USA und der Abtrennung von der Familie hat man ihm im Sinne des ius talionis Übel zugefügt. Die Haft selbst dürfte einem immobilen Greis kaum noch viel zusätzlich zufügen. In Japan provozieren mittlerweile alte Menschen die Einweisung in eine Haftanstalt, um im Alter versorgt zu sein.
In den Medien wird vermittelt, es gehe eigentlich um die Wahrheit. Es wird so getan, als hinge die Historizität des Holocaust davon ab, dass Demjanjuk gesteht, als Wachmann und nicht als Fahrer für die SS gearbeitet zu haben. Letzteres hat er schon lange zugegeben. Man scheint also auch die irren Holocaustleugner so sehr zu fürchten, dass man offenbar glaubt, jedes zusätzliche Urteil, jedes Geständnis, das Teile des historischen Tatbestandes nocheinmal amtlich festhält, zu benötigen. Ob dieses eigentliche Ziel - das Geständnis - aber erreicht wird. Solange die Strafandrohung über Demjanjuk schwebt, wird er so wenig zugeben wie möglich. Erst recht nicht, dass er aus antisemitischem Nationalismus bei den Trawnikis mitgemacht habe, um die Ukraine von den "jüdischen Ausbeutern" zu "befreien". Denn dann hätte man ihm das Mordmerkmal "sonstiger niederer Beweggrund" in Form von "Rassenhass" nachgewiesen. Demjanjuk hat sich später mW nie durch antisemitische Kundgaben hervorgetan. Dass er aus Opportunismus mittat, ist also nicht unwahrscheinlich. D`s Verteidigung stellt folglich auf den "Entschuldigenden Notstand" im StGB ab. Dazu müsste sie nachweisen, dass Demjanjuk erschossen worden wäre, wenn er desertiert wäre.

Der russische Sender RT sendete am 20. April einen Beiträg über eine Initiative Russlands, Neonazismus in postsowjetischen Staaten zu bekämpfen:



Der Beitrag hat eine Tendenz gegen die Balkanstaaten und die Ukraine. Vor dem Hintergrund, dass Russland selbst ein beträchtliches Neonazi-Problem hat, über das sich der Beitrag ausschweigt, bleibt ein schlechter Beigeschmack dieser Berichterstattung, die gegen Länder gerichtet ist, die sich westlich orientieren und mit den USA zusammenarbeiten. Dazu gehört auch Georgien, dessen Staatspräsident angesichts der letzten Auseinandersetzungen um Ossetien von russischen Medien propagandistisch als neuer Hitler dargestellt wurde. Letztlich sind das Versuche unter Russland und seinen Anrainern, sich gegenseitig zu diskreditieren.

1 Kommentar:

marc hat gesagt…

"Vor dem Hintergrund, dass Russland selbst ein beträchtliches Neonazi-Problem hat, über das sich der Beitrag ausschweigt, bleibt ein schlechter Beigeschmack dieser Berichterstattung, die gegen Länder gerichtet ist, die sich westlich orientieren und mit den USA zusammenarbeiten."

genau dasselbe habe ich auch gedacht. bei osteuropa und neonazis denkt man als erstes an russland. ich kenne keinen, der schonmal in russland war, dem nicht der grassierende rassismus aufgefallen wäre. ein indischstämmiger freund von mir ist geradeso einer schlägertruppe in der moskauer u-bahn entkommen.