Mittwoch, 20. Mai 2009

Vera Lengsfeld über den Prozess gegen John Demjanjuk

Vera Lengsfeld schreibt in ihrem Doppeltagebuch am 8. Mai 2009 bei der "Achse des Guten":
"Das Kriegsende ... spielt unter den heutigen Topthemen keine Rolle. Eher schon die bevorstehende Auslieferung von Iwan Demjanjuk, dem Mittäterschaft am Tod von tausenden Häftlingen vorgeworfen wird. In der stalinistischen Sowjetunion war der Mann Traktorfahrer. Er hat also die stalinistische Willkür gegenüber der ländlichen Bevölkerung miterlebt. Dann wurde er Soldat. An der Front hat er mitansehen müssen, wie die Soldaten der Roten Armee verheizt wurden. Als er gefangen genommen wurde, wusste er, dass seine Familie daheim verhaftet und in die Lager deportiert werden würde. Nach einem stalinistischen Gesetz war nicht nur der kriegsgefangene Soldat ein Verräter, sondern eben auch seine Familie. Er hat sich dann von den Nazis anwerben lassen und als Aufseher in Vernichtungslagern gearbeitet. Als „Iwan der Schreckliche“ soll er dort unzählige Gräueltaten begangen haben. Die Israelis haben ihn dafür zum Tode verurteilt, nach sieben Jahren Haft wegen Mangel an Beweisen freigelassen. Demjanjuk kehrte nach Amerika zurück. Was bleibt vom Leben, wenn die frühere Existenz von den beiden totalitären Diktaturen so vollständig zerrieben wurde? Nun will ihn die deutsche Justiz und man wird das Gefühl nicht los, sie will ein Exempel statuieren, um von ihrem Versagen bei der juristischen Bewertung der Verbrechen der beiden totalitären Diktaturen des letzten Jahrhunderts abzulenken."

Versagen der deutschen Justiz. Ja. Man studiere nur den Fall der Helene Schwärzel: Sie wurde als Denunziantin als einzige für die Hinrichtung Goerdelers zur Rechenschaft gezogen, niemand sonst aus dem Justizappparat, kein Richter, kein Polizist. Die naive Buchhalterin als Bauernopfer der Strafverfolgung.
Kann es sein, dass nationale Strafverfolgungsbehörden, deren Aufgabe es eigentlich ist, aktuelle Bedrohungen und Verletzungen der Wertordnung zu bekämpfen, mit der Aufarbeitung ganzer ideologischer Systeme der Vergangenheit und ihre übriggebliebenen Gespenster überfordert sind? Allein an der Judenverfolgung und -vernichtung während des 2. Weltkriegs beteiligten sich 400 000 Menschen europaweit. Dann kommt hinzu, dass die landesinterne Aburteilung von untergegangenen Politsystemen das zukünftige Zusammenleben der Menschen in der neuen Ordnung des Landes belastet, ein Gedanke den der Rechtswissenschaftler Bernhard Schlink einmal einbrachte. Insofern war das internationale Tribunal von Nürnberg ein Segen. Die selbständige Aburteilung der Kriegsverbrecher durch die Deutschen war zwar auch ein Ziel der Putschisten des 20. Juli 44, diese gingen jedoch irrig von viel niedrigeren, zT nur fünfstelligen, Opferzahlen aus. Man fragt sich, wie es eigentlich mit der Bestrafungsgerechigkeit aussieht, wenn die Hauptverantwortlichen und dann nur noch verstreute Einzelrädchen der Systeme wie ein Exempel bestraft werden.

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