Donnerstag, 11. Juni 2009

Bernhard Schlinks versteckter Pfeil in: "Der Vorleser"

"Erst lochen sie einem die Fahrkarte, dann den Hinterkopf." So charakterisierte Zeitzeuge Ernst Jünger einmal die Schergen des NS-Systems. Pflichtlektüre für jeden deutschen Vergangenheitsbewältiger ist Bernhard Schlinks "Der Vorleser". Hier geht es um eine ehemalige KZ-Wächterin, die erst im KZ Auschwitz beschäftigt war, um dann nach dem Krieg als Schaffnerin die Fahrkarten zu lochen. Bei der Heimkehr von der Arbeit als Schaffnerin lernt sie den Protagonisten des Buchs "Der Vorleser" kennen. Von der Story taugt die Handlung "Minderjähriger hat Sex mit einer KZ-Wächterin" eigentlich für einen B-Movie oder ein schlechtes Groschenheft, ist aber in höchste bildungsbürgerliche und literatische Höhen gehoben. Da auch die 68er-Studentenbewegung vorkommt, kann man sagen, dass das Buch einen wahren Bewältigungsdoppelschlag zu beiden wichtigsten deutschen Bewältigungsthemen darstellt.
Interessant ist, was in der deutschen Wikipedia unterschlagen wird. Die Protagonistin Hanna Schmitz muss sich vor Gericht dafür verantworten, dass sie ihr anvertraute jüdische Gefangene in einer brennenden Kirche umkommen ließ. Was Wikipedia nicht erwähnt ist, dass die Kirche ausgerechnet durch einen Luftangriff alliierter Bomber in Brand gesetzt wurde, es ist von einer "Bombennacht" die Rede. Eine versteckte Spitze Schlinks gegen den Luftkrieg und die ungeahndeten Kriegsverbrechen alliierter Streitkräfte? Die besten Beleidigungen sind immer noch diejenigen, die der Angesprochene nicht merkt.
Ein auch sonst sehr gefährliches Buch, da es zur Identifikation mit der Angeklagten verführt, die im Film ebenfalls wirksam wird. Dort wird sie noch dadurch gesteigert, dass auf der Bildebene die Hanna Schmitz nur als hilflose und gehandicapte Adressatin juristischer Aggression sichtbar wird, die Vergangenheit in Auschwitz jedoch nicht bildlich vergegenwärtigt, nur referiert wird. Im Medium Buch können beide Ebenen nur mit dem Schriftstellerwort vermittelt werden.

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