Mittwoch, 24. Juni 2009

Das Doppelgesicht des Varus in der deutschen und englischen Wikipedia

Die Unterschiede in thematisch identischen englischen und deutschen Wikipediaeinträgen sind schon fast eine Wissenschaft für sich. Die folgenden tendenziösen Darstellungsunterschiede zur Biografie des Varus, des Feldherrn, dessen Legionen durch den Cheruskerfürsten Arminus zerschlagen wurden, sind aber das Gravierendste, was mir seit längerem untergekommen ist.

Englische Wikipedia
über die Aktivitäten des Varus in Judäa, bevor er nach Germanien kam:

Between 9 and 8 BC, following the consulship, Varus was governor of the province of Africa. After this, he went to govern Syria, with four legions under his command. The Jewish historian Josephus mentions the swift action of Varus against a messianic revolt in Judaea after the death of Rome's client king Herod the Great in 4 BC. After occupying Jerusalem, he crucified 2000 Jewish rebels, and may have thus been one of the prime objects of popular anti-Roman sentiment in Judaea, for Josephus, who made every effort to reconcile the Jewish people to Roman rule, felt it necessary to point out how lenient this judicial massacre had been. Indeed, at precisely this moment, the Jews, nearly en masse, began a full-scale boycott of Roman pottery (Red Slip Ware). [1] Thus, the archaeological record seems to verify mass popular protest against Rome because of Varus' cruelty.

Deutsche Wikipedia über Varus in Judäa, die weichzeichnende Version:

Von 7/6 v. Chr. bis 5/4 v. Chr. war Varus legatus Augusti pro praetore provinciae Syriae, wo er einen der stärksten Heeresverbände des Reiches mit drei Legionen befehligte. Er löste damit Gaius Sentius Saturninus ab. In Syrien[3] war er politischer Berater des Herodes in Judaea und an dem Prozess gegen dessen Sohn Antipatros maßgeblich beteiligt und sorgte bei den ausbrechenden Revolten nach dem Tod des Herodes für Ruhe und Ordnung.

Syrien war eine außerordentlich wichtige „kaiserliche“ Provinz an der Grenze des Imperiums zum Partherreich. Reichhaltige literarische Zeugnisse zeigen, dass Varus hier mit den besonderen Problemen der vorderorientalischen Welt konfrontiert war, um deren Lösung er sich tatkräftig bemühte. Flavius Josephus schildert ihn während der Zeit in Syrien als friedfertigen, ruhigen und zurückhaltenden, ja sogar behäbigen und bequemen Menschen. Varus’ vielfältigen Vermittlungsbemühen in der Provinz, in Judäa und Rom sprechen für ein diplomatisches Geschick. Varus darf als erfahrener Militär und Verwaltungsfachmann gelten, der seine menschlichen Schwächen hatte. Dies widerspricht dem Bericht des Velleius Paterculus, nach dem Varus das Land ausgebeutet haben soll.

(dunkle Hervorhebungen von mir)

Man fragt sich, ob Varus mit seiner Massenkreuzigung von Juden sogar mit zur Kreuzigungsüberlieferung der Christen beigetragen hat. Dann wäre er, da er mit seiner Niederlage gegen Arminius auch noch den deutschen Nationalmythos begründete, ein zweifacher historischer Mythenstifter gewesen. Varus wird anscheinend, da die EU (oder auch die USA, oder der "Westen") mit Rom idenfiziert wird, mittlerweile im europabegeisterten Deutschland so wohlwollend beurteilt. Mit Arminius begann der "Deutsche Sonderweg" der zum 2. und 3. Reich geführt hat (und damit zu Auschwitz, das beinhaltet diese Rechnung), diese Auffassung fand ich im Feuilleton der FAZ. Dabei führt gar kein direkter Weg von Rom zur EU. Denn dazwischen kam bekanntlich die Völkerwanderung, die die Gründung von germanischen Reichen nach sich zog, auf die sich die westlich gelegenen Staatswesen der nationalstaatlich gegliederten EU letztlich zurückführen. Allein Italien ist in seinen Grenzen fast deckungsgleich mit der gleichnamigen römischen Provinz. Das Kerneuropa der EU hat eher noch mit dem Karolingerreich zu tun. Das Imperium Romanum war vor allem ein Seereich, das sich um das Mittelmeer gruppierte und Europa durch Wallanlagen in zwei Häften teilte. Die heutige EU ist hingegen eine kontinentales Gebilde aus Staaten, die sich im frühen Mittelalter herausbildeten, mit Deutschland als geographischem Zentrum, mit vielen Ländern, die nie irgendwelche römischen Garnisonen gesehen haben.
Ein europäischer Imperator ist für mich auch weit und breit nicht in Sicht.

Die Sache mit der Gleichung USA = Rom ist nochmal eine Geschichte für sich.



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