Samstag, 20. Juni 2009

Stauffenbergs Schwur, Varus, Arminius und Richard Herzinger

Bevor Claus Graf Stauffenberg zur Umsetzung des Putschversuchs gegen Hitler schritt, schrieb er seine politischen und weltanschaulichen Vorstellungen auf, die "Stauffenbergs Schwur" genannt werden. Dieser Schwur stellt ein interessantes historisches Zeugnis für die intellektuelle Entwicklung der Deutschen bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts dar.

Darin ist, was das Verhältnis der deutschen Konservativen zur römischen Vergangenheit anbelangt, folgende Überlieferung interessant:

"Wir bekennen uns im Geist und in der Tat zu den grossen Überlieferungen unseres Volkes, das durch die Verschmelzung hellenischer und christlicher Ursprünge in germanischem Wesen das abendländische Menschentum schuf."

Die römischen Ursprünge der deutschen Kultur werden nicht angesprochen, obwohl sie doch tagtäglich anzutreffen sind, etwa in Fremdwörtern und Bauwerken. Wie kommt das? Stauffenberg könnte als Katholik das Römertum schon vom Christentum mit umfasst angesehen haben. Für die andere Erklärung muss man weiter ausholen. Das deutsche Reich, das bis 1806 bestand, bezeichnete sich noch als "Heiliges Römisches Reich deutscher Nation", sah sich also in römischer Tradition stehend. Mit Napoleon ging es aber schnöde unter, Kaiser Franz legte die Krone nieder. Neue politische Gebilde entstanden, so der Rheinbund. Napoleon krönte sich selbst zum Kaiser und übernahm römisch-imperiales Machtgehabe. Als die Deutschen der napoleonischen Vorherrschaft überdrüssig wurden, begannen die Befreiungskriege unter Preußen. Das war aber eine protestantische Macht, die mit der römisch-katholischen Tradition nichts zu anzufangen wusste. Mit der deutschen Romantik verstärkte sich dafür die deutsche Griechenbegeisterung, die dazu führte, dass sich deutsche Intellektuelle immer mehr mit dem antiken Griechentum identifizierten und auch den damals aktuellen Freiheitskampf der Griechen gegen die Osmanen unterstützte. Gleichzeitig rang man um die deutsche Einigung, verbunden mit einer Emanzipationsbewegung gegen Frankreich. Die Hermannsstatue in Detmold, die während der Einigungsbewegung entstand, richtet ihr Schwert denn auch drohend gegen das welsche Frankreich, das mit Rom identifiziert wurde. Die Griechen hingegen galten aufgrund ihrer philosophischen Tiefgründigkeit den Deutschen als nahverwandt.

Heute wird Rom mit Europa, den USA oder dem "Westen" identifiziert, was ich keineswegs für zwingend geboten halte, sodass sich deutsche Journalisten fast aller größeren Zeitungen verpflichtet sehen, aufgrund von Erwägungen der Political Correctness den aufständischen germanischen Hilfstruppenführer Hermann/ Arminius in Grund und Boden zu schreiben. Die antiimperialistische Linke und die NPD sollen sich ja nicht an diesem historischen Vorbild für Sezessionismus hochziehen können. Dass Hitler und überhaupt der Faschismus den Rom-Kult zu neuen Blüten trieb, und der Feldherr Varus ein grausamer Judenschlächter war, stört die deutsche Presse dabei nicht. Besonders grobschlächtige Kommentatoren führen sogar an, dass ja sogar die Nazis, die dann plötzlich einen Absatz lang offen als Vorbild dienen, Hermann aufgrund seines Verrats an den Römern skeptisch gesehen hätten. Freilich findet sich bei den Nazis beides: Germanentümelei und römischer Größenwahn, letzterer insbesonder bei Hitler. Vielleicht auch dies ein Grund für Stauffenberg, Rom nicht im Schwur zu erwähnen.

Richard Herzinger hat noch die feingeistigste Kommentierung zur Varuschlacht alias Hermannschlacht geschrieben. Er titelt: "Wir stehen den Römern näher als den Germanen." Herzinger als Germanist könnte auch zu einer anderen Auffassung gelangen, er argumentiert jedoch politisch-journalistisch. Zu Bundeskanzlerin Angela Merkel hat der Varusschlacht-Ausstellung Imperium-Konflikt-Mythos trotzdem einen Besuch abgestattet, was man insofern schon - fast - als mutig ansehen muss.

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