Freitag, 5. Juni 2009

Wenn Gelb Rot sieht: FDP-Wahlkampf im Ruhrpott. Guido Westerwelle, Silvana Koch-Mehrin und Alexander Graf Lambsdorff beim Wahlkampfsendspurt

Einen kontrastreichen Nachmittag erwartete ich mir, als ich heute die FDP-Wahlkampfveranstaltung in Recklinghausen besuchte, tiefstes Ruhrgebiet, dachte ich mir, Land der Malocher: Die Geschäfte sind systematisch mit Antifa-Aufklebern markiert, alte Bausubstanz ist mit der Lupe zu suchen. Hier hatten sich Guido Westerwelle, Silvana Koch-Mehrin und Alexander Graf Lambsdorff angekündigt, und sie kamen auch. Allerdings nicht nur sie, sondern neben vielen FDP-Anhängern auch ein Trupp gewerkschaftsgesteuerter Demonstranten von Karstadt Recklinghausen, die um ihre Arbeitsplätze fürchten, aber den Sinn ihrer Schildaufschriften mir nicht zu erklären vermochten, sowie ein paar kommunistische Störer. Davon ließen sich die FDP-Kandidaten jedoch nicht die gute Laune verderben. Man kann sagen, die Spaßpartei lebt, und Besuche auf ihren Veranstaltungen heben immer noch die Stimmung. Politik als Optimismusfaktor, während die Pfeile der Ökonomen nur noch nach unten zeigen, und die Beschäftigung mit der Geschichte in den Zeitungen immer zuerst die finsterste Vergangenheit vor 64 Jahren nach oben spült. Mit der Absetzung von dieser Vergangenheit spannten die drei blau-gelben Musketiere von der FDP auch den historischen Bogen nach heute, und erinnerten an die positiven Errungenschaften der EU: friedliches Zusammenleben in Europa mit offenen Binnengrenzen und offenem Binnemarkt. Ein liberales Projekt, das sich die FDP als Erfolg zurechnen könne. Es wurde sodann nicht ausgepart, dass es aber an Demokratie und Transparenz fehle, Silvana Koch-Mehrin geiselte die EU-Ökodikatur, eine Glühbirnenprohibition stehe bevor, als nächstes seien bestimmte Spülmaschinen dran. Diese Frau sieht nicht nur gut aus, sondern hat auch eine tolle Stimme. Wenn es die FAZ doch noch schafft, sie aus dem EU-Parlament zu schreiben, wird sie wohl irgendwas anderes als Politik verkaufen.
Westerwelle kehrte im westfälischen Recklinghausen den fröhlichen Rheinländer heraus, und kam sehr herzlich und positiv rüber. Er brachte die üblichen FDP-Themen von Deutschland als Exportweltmeister und von der vergessenen Mittelschicht. Er wetterte gegen Abwrackprämie und gegen Jugendliche, die sich in bestimmten Fernsehtalkshows als faule Sozialhilfeempfänger produzierten. Gegen Rentner fiel hingegen kein böses Wort. Auf diesem Ticket werden wohl bald fast alle Politiker fahren, da junge Menschen im Wahlvolk durch die demographische Entwicklung minorisiert werden. Aber noch hat Westerwelle nicht vergessen, dass er auch mal unter 40 war. Zum Schluss brachte er noch paar Witze auf Kosten der PR-Bemühungen seiner Mitbewerber im Bund, etwa dass Angela Merkel nach Grönland gereist sei, um das Abschmelzen der Polkappen zu besichtigen, wofür sie eigentlich länger dort hätte bleiben müssen. Westerwelle wäre zweifellos der ulkigste Außenminister, den wir in Deutschland je hatten.
Eine resignierte alte Frau weist mich nach Ende der Veranstaltung auf einen Zeitungsartikel über Obama hin: "Der hat gerade auch so einen Blödsinn geredet." Naja.

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