Mittwoch, 17. Juni 2009

Wie Popper mit Perikles 1939 gegen die platonisch-marxistische Weltverschwörung ankämpfte

Zu den wirkungsmächtigsten philosophischen Pamphleten des letzten Jahrhunderts gehört Karl Poppers Buch "Die offene Gesellschaft und ihre Feinde". Geschrieben ist es mitten im 2. Weltkrieg (was man ihm polemischerweise anmerkt) und prägt bis heute das dualistische Freund-Feind-Denken liberaler Meinungsführer in der Bundesrepublik und in weiten Teilen der westlichen Welt.
Popper gehörte in finsterer Zeit zu den wenigen Philosophen, die sich dem Marxismus und sonstigem Kollektivismus gedanklich entgegenstellten, das ist sein Verdienst. Wenn es Popper nicht gäbe, hätte man als Liberaler philosophisch gegen den Kommunismus und Linksextremismus sehr viel weniger in der Hand. Hegel wird von Popper als Schwätzer entlarvt und Platon wird auch angegriffen. Und da wird es meiner Erinnerung nach fragwürdig, wenn Popper moderne individualistische, universalistische, egalitäre und utilitaristische Vorstellungen in die vorchristliche athenische Demokratie und in Platons Auseinandersetzungen mit ihr hineinprojiziert. Erkennbar wird insbesondere auch, dass Popper eigentlich über die damalige Lage des "Seereichs" Großbritannien spricht, wenn er Athens Lage im Peloponnesischen Krieg darstellt.
Athen war eine Sklavenhaltergesellschaft, die den ursprünglich gegen Persien gerichteten Attisch-Delischen Seebund benutzte, um die in ihm organisierten benachbarten Stadtstaaten zu schröpfen. Nach Popper sollen diese Überlieferung aber durch die Missgunst antiker Historiker geprägt sein. Unbotmäßige griechische Ansiedlungen wurden der Überlieferung nach wegen ihrer Ohnmacht von den Athenern verhöhnt und grausam ausgelöscht (siehe etwas den "Melierdialog" in Thukydides' "Der Peloponnesische Krieg"). Den Freidenker Sokrates verurteilte diese "offene Gesellschaft" zu nichts weniger als zum Tod, weil er Gebrauch von dem machte, was wir heute Redefreiheit nennen würden, und damit die Jugend verdorben haben soll. Perikles war der militärische Führer dieses Athen, auch Hitler bezog sich damals auf diese historische Figur, die stets mit Kriegshelm auftrat. Popper zitiert wie amerikanische Politiker des letzten Jahrhunderts aus der Leichenrede des Perikles, in dem dieser den Opfertod gefallener Soldaten rühmte und die besonderen Freiheiten der Athener gegenüber dem damaligen spartanischen Erzfeind hervorhob. Heute wird das Ziehen solcher interkulturellen Parallelen über Jahrtausende hinweg in der Wissenschaft ziemlich kritisch gesehen. Man findet aber heute noch Rom-Vergleiche häufig in der Presse und in der politischen Debatte.

Mir schien damals, dass es Popper nicht gelungen ist, Platon vollständig zu demontieren. Ich meine, Platon gelang es, mit seiner Beschreibung des ewigen Idealstaates, nebenbei Strukturmerkmale aufzuzeigen, die JEDER menschlichen organisierten Gemeinschaft feststellbar sind und sein werden. Diese lassen sich auch nicht durch Revolution beseitigen, sondern stellen sich nach jedem, auch gelungenem, Umsturz wieder ein. Demnach müsste die "offene Gesellschaft" als rein gedankliches Ideal-Konstrukt angesehen werden. Weltweit wären demnach real nur mehr oder weniger "geschlossene" Gesellschaften anzutreffen, die sich mehr oder weniger geöffnet haben, und Tabus verschiedenen Inhalts verteidigen. Deutschland scheint hinsichtlich der Äußerungsfreiheit vom Ideal der offenen Gesellschaft weiter entfernt als die USA.

Unklar bleibt nach der Lektüre, welchen nachweisbaren Pfad es von Platon zu Hitler geben soll, es ist auch keine Verlautbarung bekannt, in der Hitler sich auf Platon bezieht. Nietzsche, der Darwinismus und die deutsche Philosophie nach Hegel und Marx bleiben bei Popper unwiderlegt, da er sich gar nicht mit ihnen beschäftigt. Rassismus schiebt Popper auf Platon und Graf Gobineau, erwähnt aber nicht, dass Kant, auf den er sich positiv bezieht, Rassentheoretiker war.

Für die intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Islam oder anderen Kulturen bringt Popper nicht viel, da er sich auf einen innerwestlichen Ideologiekonflikt bezog. Samuel Huntington mit seiner These vom "The West vs. Rhe rest" knüpft bezogen auf Auseinandersetzungen zwischen Kulturkreisen an die Vorstellungswelt Poppers einer von malevolenten Feinden umzingelten offenen Gesellschaft an. In der politischen Ausrichtung der Neokonservativen und der Regierung Bush verflachte das Bild der offenen Gesellschaft und ihrer Feinde zu einem Kampf des Guten gegen das Böse. Bei Geert Wilders wird der Begriff der "offenen Gesellschaft" zum Ausgrenzungsbegriff gegen Muslime. Obama erkennt hingegen, dass Schwarz-Weiß-Malerei nicht weiterbringt, und Menschen weltweit viele Gemeinsamkeiten, aber unterschiedliche Interessen haben, die man zum Ausgleich bringen muss.

Mal sehen, was die zweite Lektüre erbringt.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Popper darf man nicht umstandslos zum Liberalen machen, bzw. unterstellen, dass sein Werk dem Geiste des Liberalismus verpflihtet wäre. Mehr dazu hier: http://www.mehr-freiheit.de/sozitech/popper.html
... und etwas gemässigter: http://www.liberalismus-portal.de/liberalismus.htm

scrutograph hat gesagt…

Ja das ist richtig, auch liberale Sozialdemokraten bezogen und beziehen sich auf Popper.

Anonym hat gesagt…

Popper war damals während der sozialliberalen Koalition insbesondere bei gemässigten Sozialdemokraten, also "Rechtssozialdemokraten" aus Sicht der Verfassungsgfeinde, "in". Ich war damals einer der "Rechtssozialdemokraten" und bin bis zum heutigen Tage stolz darauf. Unser Kanzler Schmidt berief sich auf ihn. Auch im Fall des Berufsverbots gegen einen von der SED eingeschleussten Marxisten, dem unser damaliger Kanzler Schmidt explizit die Wissenschaftlichkeit absprach. In diesem Kontext sollte man Popper stellen, dann sieht man die Dinge richtig.