Dienstag, 21. Juli 2009

Der Gott, der Eisen wachsen ließ ...

Der Gott, der Eisen wachsen liess
der wollte keine Knechte,
drum gab er Säbel, Schwert und Spieß
dem Mann in seine Rechte;
drum gab er ihm den kühnen Mut
den Zorn der freien Rede,
daß er bestände bis aufs Blut
bis in den Tod die Fehde

So wollen wir, was Gott gewollt
mit rechter Treue halten
und nimmer im Tyrannensold
die Menschenschädel spalten.
Doch wer für Tand und Schande ficht
den hauen wir zu Scherben,
der soll im deutschen Lande nicht
mit deutschen Männern erben

O Deutschland, heil'ges Vaterland!
O deutsche Lieb' und Treue!
Du hohes Land, du schönes Land!
Dir schwören wir aufs neue:
Dem Buben und dem Knecht die Acht!
Der fütt're Krähn und Raben.
So ziehn wir aus zur Herrmansschlacht
und wollen Rache haben.

Lasst brausen, was nur brausen kann
in hellen, lichten Flammen!
Ihr Deutschen alle, Mann für Mann
fürs Vaterland zusammen!
Und hebt die Herzen himmelan
und himmelan die Hände,
und rufet alle, Mann für Mann
Die Knechtschaft hat ein Ende!

Laßt klingen, was nur klingen kann
Trompeten, Trommeln, Flöten
Wir wollen heute Mann für Mann
mit Blut das Eisen röten
mit Henker- und mit Knechteblut
o süßer Tag der Rache
Das klinget allen Deutschen gut
daß ist die große Sache

Lasst wehen nur, was wehen kann
Standarten wehn und Fahnen!
Wir wollen heut uns Mann für Mann
zum Heldentode mahnen:
Auf, fliege, stolzes Siegspanier
voran dem kühnen Reihen!
Wir siegen oder sterben hier
den süssen Tod der Freien

Ernst-Moritz Arndt - 1812

In Greifswald tobt lt. aktuellem Bericht des SPIEGEL ein anachronistischer Streit um den Namensgeber der dortigen Universität. Der hatte nicht nur Gedichte gegen die französischen Besatzer geschrieben, wie das obige, sondern fürchtete sich auch vor Überfremdung durch die Einwanderung von Ostjuden. Die abstammungsmäßige Einheit und "Reinheit", die Arndt von den Deutschen annahm, ist freilich eine heute nicht mehr haltbare Sicht. Ein Brandprediger der Befreiungskriege, der allerdings auch gegen Leibeigenschaft wetterte. Manche Menschen sind mehrdimensional, was den Gesinnungstüchtigen aber nichts gilt: Die fachliche Leistung kann noch so groß sein, hing der Ingenieur, der Dichter oder Wissenschaftler der falschen Ideologie an, tat er vor allem antijüdische Äußerungen, hat er als Namensgeber ausgedient - so sollen noch hundertfach Namensgeber von öffentlichen Gebäuden und Anlagen getilgt werden, wenn es nach engagierten Namensjägern geht (siehe im verlinkten SPON-Artikel). Anachronistisch ist der Aufstand gegne Arndt insofern, als der historische Kontext seines Franzosenhasses ausgeblendet wird.

Interessant ist, dass Arndt auch für die "freie Rede" eintrat, was ihn auch heute sehr verdächtig machen muss, denn illiberal sind die politisch Korrekten, die gegen Arndt mobil machen, ja vielfach auch. Auch die "Herrmanschlacht" wird im Lied erwähnt, was verdeutlicht, das die Hermannstatue bei Detmold eigentlich nicht an die historische Schlacht gegen die Römer, sondern an die Befreiungskriege gegen das napoleonische Frankreich erinnert. Der Schwur, "nimmer im Tyrannensold die Menschenschädel" zu "spalten", verweist darauf, dass Napoleon im großen Stil Truppen in Deutschland aushob. Unter anderem waren bei Napoleons Zug gegen Russland mehr als 100 000 Deutsche dabei, die jämmerlich umkamen und erfroren. Vom Widerstand selbst gegen unrechtmäßige Unterdrückung, Besatzung, Versklavung und Ausplünderung will heute im postpatriotischen und postheroischen Deutschland aber niemand mehr etwas wissen - selbst Graf Stauffenberg, gerade vor 65 Jahren gescheitert, ist mit seinem Attentat gegen Hitler bei den Linken gern gesehener Gast in der Erinnerungskultur. Das ist letztlich die Konsequenz des radikalen Pazifismus: Man wehrt sich nicht einmal gegen Versklavung. Schon vor dem 2. Weltkrieg war diese pazifistische Müdigkeit in Westeuropa virulent. Nur das Eingreifen der Amerikaner hat es vor der vollständigen Einkerkerung bewahrt.

Heute morgen lauschte ich im Frühfunk, wie Hörer gegen das öffentliche Bundeswehr-Gelöbnis wetterten. "Die Herren" nannte die Bundeswehrsoldaten jemand, der sich als Beamter zu erkennen gab, verächtlich. Da sind noch Feindbilder unterwegs aus Zeiten, da Offiziere einen persönlichen Burschen hatte, der ihnen die Stiefel wienerte. Das ist lange vorbei.

Zu den Parolen in Greifswald gehört auch: "Wir sind nicht Ernst-Moritz Arndt!" Da hat offenbar die kollektivistische Kampagne "Du bist Deutschland!" schwere Schäden hinterlassen. Wer geht denn davon aus, er sei Kaiser Wilhelm, weil er eine Wilhelms-Universität besucht? Solche Leute würde man, wenn sie einzeln aufträten, in die Psychiatrie einweisen. Als Kollektivpsychose geht das aber durch.

Hier hat die ZEIT schon vor über 10 Jahren Stimmung gegen Arndt gemacht, sie will suggerieren, Hitler sei der von Arndt ersehnte Reichseiniger gewesen, die ZEIT radikalisiert sich dabei immer mehr gegen Arndt, hier empfahl sie noch den Besuch seines Geburtshauses, jetzt ist er der Hassprediger (also eine Art islamofaschistischer Mullah) Was kann Arndt dafür, dass die großdeutsche Einigung nach dem Zusammentreten der Paulskirche und dem Deutschen Bund erst wieder von Hitler realisiert wurde? Eine Vereinigung von Österreich mit dem Deutschen Reich hätte es schon kurz nach dem 1. Weltkrieg unter demokratischen Vorzeichen geben können, doch die Allierten haben dies vereitelt. Arndt konnte nicht in die Zukunft sehen, und sich auch nicht gegen die Vereinnahmung durch spätere politische Fraktionen wehren. In dem Lied "Was ist des Deutschen Vaterland?" hatte sich Arndt Gedanken gemacht über die Ausdehnung des aus der Taufe zu hebenden deutschen Nationalstaats. Die Lösung, die er in dem Text fand definiert die Nation kulturell über Sprache und Gottesglauben, nicht biologisch oder abstammungsmäßig:

Was ist des Deutschen Vaterland?
So nenne endlich mir das Land!
So weit die deutsche Zunge klingt
und Gott im Himmel Lieder singt:
Das soll es sein! Das soll es sein!
|: Das wackrer Deutscher, nenne dein! :|


Die Frage, wer eigentlich Deutscher im Sinne des Grundgesetzes sein soll, gehört heute noch zur aktuellen Verhandlungsmasse der Demokratie. Die im Lied anklingende Dreistigkeit, mit der damals die Christen die Nation okkupiert haben (Eine Deutscher kann nur sein, wer Christ ist) ist bei aktuell einem Drittel Konfessionsloser an der Gesellschaft freilich nicht mehr tolerabel. Die großdeutsche Einigung ist hingegen durch die europäische Einigung schon überholt worden und damit eine obsolete Frage.

Zu Arndts Zeiten hat Kant Rassenkunde betrieben und lange Zeit vor beiden ein gewisser Martin Luther antijüdisch agitiert. Diese Zeitgenossen fallen wohl als Kandidaten für die Umbenennung der Greifswalder Universität damit auch aus. Der Greifswalder Maler Caspar David Friedrich könnte noch als Namenspatron herhalten, aber er hatte nichts mit der Universität am Hut.

Das bedeutet, dass der Name der dortigen Universität in Zukunft wohl keinen Anlass mehr geben wird, sich mit Geschichte auseinanderzusetzen, weil sie in Zukunft heißen wird wie so viele andere namenlose Universität auch. Der Scrutograph hat eben die letzte Gelegenheit dazu genutzt.

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