Montag, 5. Oktober 2009

'Inglourious Basterds' Trailer - Ruhmlose Mistkerle und ein feinsinniger Gestapobeamter

Der Film ist besser, als der Trailer suggeriert. Christoph Waltz als Obersturmbannführer Hans Landa rettet den Tarantino-Streifen, dessen Protagonisten zwischen überraschendem Feinsinn und Brutalität agieren.
Die Folter- und Verstümmelungsszenen weisen historisch in die richtige Richtung, sind keineswegs völlig unseriös: Vom Skalpieren (wie im Film) ist dem Scrutographen zwar nichts bekannt, aber dafür gab es den "Russischen Handschuh" für gefangene Wehrmachtsoldaten - dabei wurde die Hand in kochendes Wasser gehalten und die Haut abgezogen - bei lebendigem Leibe versteht sich. Auch die Gestapo in Frankreich hat natürlich brutal gefoltert.
Die Schlussansage an "Deutschland": "Ihre werdet alle sterben." ist ziemlich bedrückend, vor allem für ein deutsches Publikum. In der englischen OV sprechen die Deutschen auch untertiteltes Deutsch, was sie noch fremdartig-böser erscheinen lassen muss. In der deutschen Version sprechen die Anglo-Protagonisten leider nicht entsprechend untertitelt Englisch, aber man darf immerhin ein wenig Französisch hören.

Das Nazi-Kriegsfilmgenre geht zurück auf die Propagandafilme Hollywoods aus dem 2. Weltkrieg, das nach dem Ende des Krieges ein seltsames Eigenleben entwickelte: Feind ist geschlagen, Propaganda geht weiter. Die Filme spiegelten dabei zunehmend im geschichtlichen Gewande Konflikte der jeweiligen Gegenwart, etwa den Vietnam-Krieg. So kann denn Inglourious Basterds aus vielen älteren Filmen dieses Genres aber auch des Western-Genres zitieren. Im Vorspann erklingt eine Melodie, die an den Western "The Alamo" mit John Wayne erinnert, die Typographie der Schriftzüge erinnert ebenfalls an Western. Auch dies ist nicht unseriös, erinnerte doch vieles im 2. Weltkrieg manchen Historiker an Wild-West-Zustände. Einer der Chefdramaturgen des damaligen Geschehens, Hitler, war bekanntermaßen Karl-May-Fan, in dessen Büchern er nicht nur Trost, sondern bizarrerweise auch militärischen und politischen Rat suchte. Winnetou spielt entsprechend auch in Tarantinos Film eine Rolle. Kommandoeinheiten hinter den feindlichen Linien gab es tatsächlich, und es fielen ihnen auch Männer der feindlichen Staatsspitze zum Opfer, etwa Reinhard Heydrich in Prag. Nach Ende des Krieges gab es viele auch grausame Racheexzesse an Nazis und Kollaborateuren. Eine jüdische Kampforganisation wollte gar gefangene SS-Männer im großen Umfang vergiften, scheiterte aber damit. Kein Wunder, dass sich Tarantino mit seinem Faible für die Rache-Thematik diesen Stoff nicht entgehen lassen konnte.

Der Film enthält böse Gewaltszenen, aber auch komische Sequenzen und erheiternde Einfälle. Dass Hollywood sich am Killerkommandos erfreut, passt in eine Zeit, in der die USA gezielt die Führungsriege ihrer Feinde (derzeit Taliban und Terroristennetzwerke) zu eliminieren versuchen. Der 2. Weltkrieg in Europa war auch die letzte militärische Intervention, in der sie wenig bestritten moralisch und militärisch gut dastanden, als strahlende KZ-Befreier, die die Schurken bestrafen. Bei Tarantino sieht das dann so aus, dass dem Gestapo-Mann am Schluss des Films ein Hakenkreuz in die Stirn geschnitzt wird. Auch diese Stigmatisierung dürfte psychologisch schwerer Tobak für sensible Gemüter sein. Mancher Gestapomännchen ging tatsächlich mit wehenden Fahnen zu westlichen Geheimdiensten über, schon eine oberflächliche Wiki-Recherche gibt dafür Beispiele.

Tarantino erlaubt sich, nach so langer Zeit kann man das tun, mit seinem Filmmärchen den Finger auf einen Kratzer am positiven Selbstbild zu legen, das die Amerikaner aus dem 2. Weltkrieg mitgenommen haben. Denn ein Attentat auf Hitler wurde nie ernsthaft geplant und Überlegungen dazu verworfen, und auch den Deutschen, die Hitler töten wollten, verweigerten die westlichen Alliierten jede Unterstützung.



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