Freitag, 15. Januar 2010

Der "Gutmensch" - eine abgenutzte Provokation

Es wird viel über diese merkwürdige, ironische Abwertung des Positiven im Internet verbreitet, vor allem er sei von den Nazis im 3. Reich geprägt und gebraucht worden - was nicht belegt wird und auch ziemlich unplausibel klingt, so wie es vorgetragen wird. Die Behauptung geht auf eine auf Unklarheiten und Spekulationen begründete Stellungnahme des DJV, eines Journalistenverbandes, zurück, die munter überall wiedergegeben und abgeschrieben wird. Seltsam ist, dass der Begriff der Kolportage auf die Juden gemüntzt, aber gegen den Rechtskatholiken Graf Galen eingesetzt worden sein soll. Seltsam ist auch, dass sich das Wort in älteren Nachschlagewerken der deutschen Sprache nirgends findet.

wie dem auch sei: In der Bundesrepublik Deutschland taucht die Vokabel unabhängig von der nebulösen Vorgeschichte in den 1980/90er Jahren auf, und wird von der politischen Linken publiziert. Sie klingt doch auch stark nach anglizistischem Spontideutsch, das auf Einflüsse aus den USA (etwa "goodman" als Bezeichnung für Franz Steinkühler in der Zeitschrift "Forbes") zurückgehen könnte.

Wiglaf Droste und Klaus Bittermann veröffentlichten "Das Wörterbuch des Gutmenschen", das in zwei Ausgaben 1994 und 1995 erschien.

Der Klappentext zum zweiten Band zeigt, wie links das damals daher kam:

Für "konstruktiv und kontrovers" hält sich der Gutmensch, schlägt pausenlos allerlei "Brücken der Verständigung", und "aufeinander zugehen" kann er schon im Schlaf. Er ist Anhänger der "lebendigen Demokratie", "Vergangenheitsbewältigung" ist ihm "Auftrag und Pflcht", "Gewaltvideos" findet er "schlimm" und "geschmacklos" und dem "Ansehen Deutschlands zu schaden" würde ihm im Traum nicht einfallen. Seine klassische Idealfigur aber kann der Gutmensch mittlerweile nicht mehr halten. Er zerläuft und geht in die Breite. Von Tier- und Kinderquälern sieht er sich umstellt und hantiert im "Umgang" mit dem Bösen bevorzugt mit der höchst praktischen "Dunkelziffer". Ähnlich logisch beginnt er, über das "Ende der Gewißheit" zu grübeln, entdeckt den "linken Nazi" und sieht die Welt bedroht durch "linke Lebenslügen". "Mit Nazis" zu " reden" ist längst die staatsbürgerliche Pflicht des Gutmenschen, dem auch "Nation" und "Vaterland" wieder zu "wichtigen Werten" geworden sind, die er keinesfalls "den Rechten" überlassen will.


Das bunte und teils prominente Autorenkollektiv wollte "Gesinnungskitsch" und "Plapperjargon" aufs Korn nehmen, geriet aber selbst ins Plappern. Wiglaf Droste machte den politisch-inkorrekten Vorschlag, Neonazis in Lager einzuweisen, was zeigt, wie leicht auch die Linke immer wieder ins Inhumane abdriften kann.


Mittlerweile ist der Begriff linker Sprach-, Selbst-, und Gesellschaftskritik, der sich auf die besonders bemüht humanitär gebende Politikszene der Bundesrepublik bezog, zum allgemeinsprachlichen Begriff geworden: der zehnbändige Duden von 1999 kennt nur eine - politische - Bedeutung des Wortes, die jemanden meint, der sich übertrieben politisch korrekt verhalte, daneben werden auch naive Wohltäter Gutmenschen (engl. do-gooder) genannt. Nervtötende politische Korrektheit geißelt mittlerweile vor allem die liberale und konservative Rechte bis hin zu den Neonazis(wobei sie auch andere Vorwürfe mit dem Wort verbinden), was den Begriff bei der Linken immer mehr diskreditiert. Teilweise wird der Begriff nur noch auf linke Pharisäer oder gar den Linken schlechthin angewendet, während der Gutmensch bei Bittermann und Co doch noch irgendwie auch "rechts" oder als Mitte-Mensch zu moderat gegenüber der Rechten sein konnte. "Linksfaschist" (herrührend von Habermas) oder "Linksspießer" sind weitere solcher Begriffe, die von links als Selbstkritik kamen, um dann von ihren Widersachern aufgegriffen zu werden. So ist das halt mit den Begriffen, wer sie greift, kann man nicht wissen.

Die Neujahrspredigt der EKD-Ratsvorsitzenden Käßmann lässt übrigens dünken, dass der Gutmensch zunehmend zum Nichts-ist-gut-Mensch mutieren wird, nachdem sich herausgestellt hat, dass auch der "Gutkrieger", eine jüngere militante Ableitung des Gutmenschen, seine Tücken hat.

Sonntag, 10. Januar 2010

Jahresrückblick 2009: Das alte Jahr.

Das Jahr 2009 bleibt mir in Erinnerung als ein Jahr, in dem deutlich sichtbar wurde, wie sich Deutschland in ein Altersheim mit angegliederter Museumslandschaft verwandelt. Der kollektive Alters-Museumspark. Das alte Jahr, im wahrsten Sinne des Wortes.

Die Streitigkeiten im Lande drehen sich um Erinnerungsbauten wie das Zentrum gegen Vertreibungen oder das nostalgische Berliner Stadtschloss , das, spannend und außergewöhnlich, ein Museum werden soll.
In den Schranken der Gerichte wurden uralte Greise (zäh wie leder, hart wie Kruppstahl, alt wie Schildkröten) medial vorgeführt, die an Krieg und Völkermord vor 64 (!) Jahren beteiligt waren, woran sich umfangreiche Vergangenheitsbewältigungsdebatten entzündeten. Weitere Vergangenheitsbewältigungsdebatten entzündeten sich, nachdem auch der greise Kurras als Stasimitarbeiter enttarnt worden war. Er fand sich ebenfalls vor Gericht wieder. Wegweisende Verfahren, da in der Zukunft der Greisenprozess zum Alltag gehören wird.

Ein Drittel der Wähler bei den Bundestagswahlen waren über 60 Jahre. Es werden anteilig immer mehr werden.

Derweil dankt Deutschland auf den Weltmärkten als Exportnation zugunsten Chinas ab, und zahlreiche seiner Traditionsunternehmen gingen ein. Damit wurden diese auch für ihre mangelnde Innovationsfähigkeit bestraft. Gegen den aus dem kommunistischen Schlaf erwachten chinesischen Riesen ist aber auch so kein Kraut gewachsen. Soziale Unruhen nach der Wirtschafts- und Finanzkrise wurden nocheinmal mit der Abwrackprämie und anderen fragwürdigen Improvisationen auf das nächste Jahr abgedrängt. 2009 war das Jahr in dem die Autos kleiner wurden. In Berlin brennen sie zuweilen auch schon.

Der Konflikt in Afghanistan dürfte auch deswegen so unbeliebt sein, da die alternde Nation kaum Nachwuchs hat. Der Demographieforscher Gunnar Heinsohn bezeichnet die Geburtenrate in Deutschland als "suizidal". Kritische Konfliktfähigkeit liberaler Demokraten gegenüber dem Islamismus wird -schief- mit dem Antisemitismus im traditionalistischen Deutschland bis Hitler verglichen, in der die vergreisende Gesellschaft gefangen ist, da kann auch der Afghanistankrieg nur wie der letzte deutsche Krieg verloren gehen. Einer Gesellschaft, die hauptsächlich von der Sorge um die Pflegesituation im Alter bestimmt ist, bleibt auch nichts anderes übrig als Pazifismus.

Wie das geschichtlich neuartige Phänomen der Gesellschaftsalterung zu erfassen sei, dazu kann die "Aufarbeitung" der Vergangenheit zwischen 33 bis 45 nichts beitragen, könnte man zumindest meinen.

Die Krönung wäre gewesen, wenn in den USA vor Beginn des Jahres 2009 statt Obama der greise McCain gewählt worden wäre. Obwohl die Bevölkerung altert, werden auch in Deutschland immer jüngere Politiker aufgeboten. Der bayerische Ministerpräsident bietet ein Buberlkabinett auf, im Bund sind Westerwelle und zu Guttenberg die Hoffnungsträger von alt und jung.

Derweil mehren sich im Straßenbild die Grauköpfe und Silberhaare wie der Schnee im Winter, der sich über Deutschland gelegt hat.

Und bei der Jugend mehrt sich angesichts des Problemstaus die Ratlosigkeit.