Dienstag, 3. August 2010

Ilja Ehrenburg: Der Ernst Moritz Arndt der Sowjetunion

Ilja Ehrenburg ist ein umstrittener Kriegsagitator der Sowjetunion. In Rostock ist eine Straße nach ihm benannt, die nach Auffassung der Jungen Union umbenannt werden soll. Es ergibt sich eine Parallele zu der verflossenen Umbenennungsinitiative der Ernst-Moritz-Arndt-Universität in Greifswald, auch hier erregte die historische Kriegsagitation des Namensgebers Anstoß.

Allgemeine Tötungsaufrufe gegen Deutsche sind gesichert, es ist Ehrenburg jedoch kaum nachzuweisen, speziell zur Vergewaltigung von Frauen aufgerufen zu haben, was ihm oft zum Vorwurf gemacht wird, gesichert überliefert sind Aufforderungen, von den "Frauen der Schlächter" Abstand zu halten. Jedoch sind Veröffentlichungen überliefert, in denen er vulgärpsychologische Überlegungen dahingehend anstellt, dass die deutschen Soldaten von ihren durch Ehrenburg mit viel Verbalinvektiven belegten Frauen zu immer neuen Schandtaten und Beutemachen angestiftet worden seien.

Die Kontroverse wirft die Frage auf, inwieweit Kriegspropagandisten überhaupft Einfluss auf das Verhalten von Soldaten haben können. Die Gegner der Umbenennung machen wie üblich bei solchen Streitigkeiten auf die positiven Verdienste des Namensgebers aufmerksam, wie hier etwa Ehrenburgs Bemühen um die Dokumentation der Judenvernichtung und die Verbreitung der Kunde darüber, reklamieren aber auch Textfälschungen der seinerzeitigen deutschen Kriegspropaganda und Übersetzungsmängel.

Der Großteil der Schriften Ehrenburg ist noch gar nicht ins Deutsche übersetzt worden. Straßenschilder können also auch als Hinweis auf Forschungslücken und als Ansporn, sich mit einem Thema zu beschäftigen, wertvoll sein, selbst wenn der Namenspatron eine fragwürdige Figur ist. Man muss dabei freilich hoffen, dass das irre Kriegsgeschrei, das aus den historischen Kämpfen noch zu uns dringt, nicht Idioten als Handlungsanweisung für heute dient.

In folgendem Filmausschnitt ist Ehrenburg als Gast bei einem Schau-Kriegsverbrecherprozess zu sehen: