Freitag, 2. November 2012

Muslime sind Hugenotten?

Ein klassisches Standardargument, mit dem Linke die Förderung muslimischer Einwanderung in den vergangenen Jahrzehnten zu rechtfertigen versuchen, ist das historische Argument, es habe ja immer Einwanderung und eine multikulturelle Gesellschaft in Deutschland gegeben, man danke nur an die Hugenotten.

Im Fall der Hugenotten flüchteten französische Protestanten in protestantische deutsche Staaten. Die protestantischen Fürsten holten sich also damit im Zeitalter der Religionskriege Verbündete in ihr Land, nicht religiöse Widersacher. In Deutschland wähnen Sozialdemokraten und Linke in Muslimen Verbündete gegen die CDU. Islamismus oder die Gründung einer Muslimpartei könnten allerdings langfristig die Sozialdemokratie um viele erhoffte Wählerstimmen bringen. Christkonservative haben demgegenüber die Rückholung von Angehörigen der deutschen Minderheiten in Osteuropa favorisiert, um eine christlich-deutsche Leitkultur in Deutschland zu stabilisieren. Jedoch erschöpft sich der implodierende ehemalige Ostblock immer mehr an Menschen, die noch in den Westen abwandern könnten.

Die von den deutschen Fürsten ins Land gelassenen Hugenotten waren überwiegend hochqualifiziert und stiegen rasch in die Spitze des Staates auf, ihre Integration wurde dadurch erleichtert, dass das Französische auch die Sprache der gebildeten deutschen Stände war. Die Einwanderung der Hugenotten entspräche als am ehesten noch der Einwanderung amerikanischer IT-Experten nach Norddeutschland, wenn es sie denn gäbe.
Die Muslime, die mit billigen Versprechungen nach Deutschland geholt wurden, sind eher der Gruppe der Niedrigqualifizierten zuzurechnen, sie wurden an die Fließbänder gestellt und in die Kohle-Bergwerke geschickt, zu einem Zeitpunkt, als schon absehbar war, dass der Kohlebergbau in Deutschland gar keine Zukunft mehr haben würde.

Wenn man den Fokus auf Frankreich richtet, ist die Vertreibung der Hugenotten geradezu ein Beispiel für das Scheitern des Zusammenlebens verschiedener Konfessionen in einem Staatswesen. Überhaupt ist die frühe Neuzeit auch in Deutschland eine Zeit der religiösen Säuberungen. Die frühen Staatswesen tun sich äußerst schwer damit, schon die verschiedenen Glaubensrichtungen innerhalb des Christentums in sich zu vereinen. Nach dem Grundsatz "cuius regio, eius religio" müssen die Untertanen der Religion des jeweiligen Fürsten folgen, tun sie dies nicht, werden sie aus dem jeweiligen Land vertrieben.

Im Falle der ebenfalls vielbeschworenen "Ruhrpolen" wanderten polnische Katholiken in das zT katholisch geprägte Westfalen ein. Zum Teil war das eine Wanderung innerhalb Preußens, sodass man nicht einmal sagen kann, Preußen habe damit große Veränderungen in der religiösen Zusammensetzung seiner Bevölkerung zugelassen. Augrund der Bindekraft gemeinsamer Religion haben sich diese vollständig an die deutsche Umgebung assimiliert. Letzteres stellt nach dem Staatschef der Türkei ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit dar. Fernseh- und Radiosender sowie Internet, die ein Verhaften im kulturellen Background des Herkunftsregion ermöglichen, standen den Ruhrpolen im 19. Jahrhundert auch nicht zur Verfügung.
In England, wo man den Deutschen hinsichtlich Muslimpower etwas voraus, aber auch nicht so integrationsversessen ist, hat man mittlerweil partiell Scharia-Gerichtsbarkeit zugelassen.

Die deutsche Einwanderungspolitik der vergangenen Jahrzehnte ist von einem ihrer Spitzen-Protagonisten, Ex-SPD-Kanzler Helmut Schmidt, längst als Fehler in Frage gestellt worden und wird von u.a. Gunnar Heinsohn als desaströs kritisiert, wobei man sich mit dem Migrationsforscher Bade fragen kann, welche Spielräume die Deutschen denn haben. Die Verkürzung der Problematik des Zusammenlebens verschiedener Religionen in einem Staat auf "Xenophobie"/ "Fremdenfurcht" ist jedenfalls unzulässig.

Als Beispiele für eine Zusammenleben von Muslimen und Nicht-Muslimen in einem demokratischem Staat fällt mir Indien ein. Dort wird strikter Laiszismus durchgeführt, jedoch kommte es trotzdem immer wieder zu religiösen Unruhen. Zweifelsohne werden sich Demokratie und Freiheit in Europa bei der Regelung des Zusammen- bzw. Nebeneinanderlebens von Christen und Muslimen großen Belastungen ausgesetzt sehen.

Aktuelle Leseempfehlung: Werner Abelshauser: Über die wahren Wurzeln der Arbeitslosigkeit.

Interiew mit dem Migrationsexperten Bade.

Kommentar von Gunnar Heinsohn
im Tagesspiegel.